buch
intreviews
blog
 
 
 
   
über uns  
alterskultur
kontakt
 
     
   
Frank Nitzsche, Vorstand Möckernkiez eG, Berlin

Zum Interview trafen wir uns am 29. März 2018 in Berlin.

 

 
 
Frank Nitsche

Um mich auf unser Gespräch vorzubereiten war ich auf der Internetseite der Möckernkiez Genossenschaft und habe im 1. Abschnitt der Satzung gelesen, dass seit der Gründung im Jahr 2010 bis 2017 die Satzung 6 mal geändert wurde. Was ist da passiert?
Die Satzung ist der Gesellschaftsvertrag einer Genossenschaft, und das ist ein ganz normaler Prozess, dass die angepasst worden ist. Beim letzten Mal haben wir die Satzung angepasst, weil wir eine Gruppe älterer Menschen hatten, die bei uns 2 Spezialwohnungen anmieten wollten, aber sie wollten das in Form einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts machen, einer GbR. Das hat etwas damit zu tun, dass man in dem Alter Angst hat, dass der eine oder andere die Gruppe verlässt und dann unter Umständen der Mietvertrag hinfällig wäre. Und deshalb ist der Mietvertragspartner nicht der einzelne Gesellschafter, sondern die GbR. In unserer Satzung steht, dass man zwar als Stiftung Mitglied der Genossenschaft werden kann oder als GmbH, aber eine GbR war, aus welchen Gründen auch immer, ursprünglich nicht als Mitglied vorgesehen. Das war die letzte Änderung, die wir durchgeführt haben.
Davor hatten wir im Jahr 2015 eine Änderung diesbezüglich, dass der Vorstand der Genossenschaft nicht mehr von der Mitgliederversammlung gewählt wird, sondern vom Aufsichtsrat, so wie es gemeinhin üblich ist. Das hört sich zwar wie die Einschränkung der Basisdemokratie an, aber es gibt einfach einzelne Dinge, die nur ein kleiner Kreis und nicht ein großer beraten kann. Der Aufsichtsrat wird sich die Meinung der Mitglieder in einer Mitgliederversammlung anhören, aber die Entscheidung muss der Aufsichtsrat treffen.

War das schwierig, diese Änderung bezüglich der Frage, wer wählt den Vorstand, durchzubringen?
Über die Änderung der Statuten in der Satzung bestimmt ja immer die Mitgliederversammlung. Und das war schon eine größere Diskussion in der Mitgliederversammlung, weil das einzelne Mitglied sich natürlich in seinen Rechten und seinen Möglichkeiten der Einflussnahme beeinträchtigt fühlte. Aber Sie können nicht einen Arbeitsvertrag von einem Vorstand mit 1800 Leuten beraten. Das funktioniert nicht. Und wenn ein Vorstand nicht so läuft oder nicht so spurt wie die Gemeinschaft, der Aufsichtsrat und die Mitgliederversammlung, es sich vorstellt, dann ist es natürlich schwierig, erst eine Mitgliederversammlung einzuberufen, um diesen Vorstand abzuberufen. Ein Gremium aber, das von den Mitgliedern bestellt worden ist, das ist ja der Aufsichtsrat, kann im Interesse der Genossenschaft schnell handeln.

Ihre Argumentation verstehe ich. Aber die Bewegungs-Genossenschaften, die sich von unten gründen, die sehen das anders. Zumindest am Anfang. Und hier im Möckernkiez hat das doch wahrscheinlich 2010 auch anders angefangen...
... ja natürlich. Damals hatte die Genossenschaft auch nicht, so wie heute, 1850 Mitglieder, sondern einige hundert.

Waren Sie damals schon dabei?
Nein. Ich bin erst Ende 2014 dazugestoßen.

Gehören Sie zu denen, die das Projekt sozusagen gerettet haben?
Man sagt das so, ja.

Ich habe den Eindruck, es fällt Ihnen schwer, sich als Retter bezeichnen zu lassen.
Weiß ich nicht. Das müssen andere beurteilen. Sicherlich, ich verrate nicht zu viel, dass zu diesem Zeitpunkt, ich bin seit Anfang 2015 als Vorstand dabei, das Projekt kurz vor dem Aus gestanden hat. Und so wie es heute aussieht... das hat sicherlich auch etwas mit den handelnden Personen ab dem Jahr 2015 zu tun. Das heißt nicht, dass das, was davor gewesen ist, alles falsch war. Die Idee, aufzubauen und zu entwickeln... Mitglieder anzuwerben... als ich Ende 2014 hier dazugestoßen bin, hatte ich die Mitgliedsnummer 1600, das heißt also, vor mir gab es 1599 Mitglieder. Die kommen nicht von alleine, da muss man schon Werbung machen, da muss man von der Idee überzeugen, und das haben die Initiatoren, der 1. Vorstand, mit Sicherheit hervorragend gemacht.

 


Hier sind 5 verschiedene Architekten am Werk gewesen.

 

Was war damals Ihre Motivation hier dazuzukommen?
Ich war erstens beruflich frei, weil ich meine vorherige Stelle gekündigt hatte und ein Sabbatjahr machen wollte. Und dann ist die Anfrage vom Möckernkiez gekommen, ob ich nicht hier unterstützen kann, weil man den Karren doch sehr im Dreck sah. Und man wusste, dass ich in solchen Sachen nicht ganz unerfahren bin.

Was sind Sie von Beruf?
Ich habe Betriebswirtschaftslehre an der TU in Berlin studiert und bin Diplomkaufmann und seit 1984 in der Wohnungswirtschaft tätig.

Sie sind erstmal ganz normales Mitglied der Genossenschaft geworden?
Die Satzung schreibt vor, dass Vorstandsmitglieder zwingend Mitglieder der Genossenschaft sein müssen. Ich bin im November 2014 Mitglied geworden und zum 1.1.2015 als Vorstand bestellt worden. Das ist die Reihenfolge. Ich wäre aber nicht Mitglied geworden, wenn ich nicht hier Vorstand geworden wäre.

Macht Ihnen die Arbeit Freude?
Ja. Sonst würde ich sie nicht machen. Ich hatte Ihnen ja gesagt, dass ich ein Sabbatjahr machen wollte. Und ich habe sehr lange überlegt, ob ich das hierfür aufgebe... aber ja, es macht mir Spaß.

Sie hatten ja schon gesagt, dass, bevor Sie dazukamen, hier viel gleistet worden ist. Was ist da aus Ihrer Sicht das Wichtigste... wie würden Sie es beschreiben?
Aus einer Idee ein Konzept zu entwickeln und daraus über die Stufen einer Bürgerinitiative, eines Möckernkiez-Vereins eine Möckernkiez-Genossenschaft zu gründen mit dem Ziel, das Grundstück da drüben von einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bahngesellschaft zu kaufen. Und dann die Vision, dort eine Wohnanlage zu errichten, die nicht den üblichen Standards, nicht den üblichen Ansprüchen entspricht, sondern wo ganz besondere Philosophien aufeinander treffen. Und die Leute, die Mitglieder, auch mitzunehmen mit ihren Wünschen. Sicherlich, nicht jeder kann sich etwas wünschen, wenn Sie sich die Fassade rot wünschen und ich mir grün, dann kann es nur eine Farbe geben...

... ich habe viele Grautöne gesehen, als ich da vorhin vorbei ging.
Da sind ja 5 verschiedene Architekten am Werk gewesen. Auch das spricht für die Vielfalt. Aber allein die Themen: Autofrei, Barrierefrei, ökologisch... das sind so Schlagwörter, die werden in diesem Lande sehr viel benutzt, aber wenn man hinter die Fassade guckt, dann ist davon nur ein Bruchteil angekommen. Wir können durchaus behaupten, dass unser ganzes Areal, der ganze Möckernkiez, barrierefrei ist. Das heißt also auch, ein Rollstuhlfahrer kann sich auf dem ganzen Grundstück frei bewegen. Er kann mit dem Aufzug in den Keller oder auf die Dachterrasse fahren. Er muss natürlich ein, zwei Türen überwinden, die er vielleicht alleine nicht aufkriegt, da braucht er Hilfe, aber er kann sich alleine mit seinem Rollstuhl frei bewegen. Hier ist also der ganze Kiez barrierefrei, und ich denke mal, das sollte richtungsweisend sein.

 


Sie wollen zwar alleine leben, aber sie wollen nicht ganz alleine leben.

 

Können wir mal ein paar Daten und Fakten benennen? Wie viele Wohnungen gibt es hier?
471 Wohnungen, von 1 bis 7 Zimmer und von 28 bis 150 Quadratmeter. Die Mehrzahl ist im Bereich von 2 bis 3 Zimmer, zwischen 45 und 70 Quadratmeter, da spielt sich sehr viel ab. Die Genossenschaft war nicht frei in der Wahl der Zusammensetzung, sie hatte gewisse Spielräume, die waren vom Bezirk vorgegeben. Innerhalb der 471 Wohnungen haben wir auch 6 Spezialwohnungen, sogenannte Studio-WGs. Das sind Wohnungen in der Wohnung, das heißt mit anderen Worten, wenn Sie aus ihrer Ein- oder Zweizimmer-Wohnung heraustreten, dann sind Sie nicht in einem Treppenhaus, wie üblich, sondern Sie sind in einer Gemeinschaftsfläche, die Sie sich mit 3 anderen Parteien teilen. Der Gedanke war mal, dort themenbezogene Wohngemeinschaften zu errichten. Das hat sich leider durch die Bauverzögerung aufgelöst. Wir haben jetzt zum Beispiel 2 von diesen Studio-WGs an die bewusste GbR vermietet. Das sind Leute, die sind alle im Rentenalter und die haben eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet mit dem Ziel, sie wollen zwar irgendwie alleine leben, aber sie wollen nicht ganz alleine leben. Sie wollen gemeinschaftlich kochen und gemeinschaftlich leben, aber sie wollen auch die Möglichkeit haben, die Tür hinter sich zuzumachen und ihre eigene Wohnung zu haben.

Jetzt, wo Sie nochmal auf die GbR der Älteren zurückgekommen sind ... da würde ich gerne etwas genauer nachfragen. Waren die Einzelnen schon Mitglieder in der Genossenschaft und haben von innen her die GbR gegründet oder kamen die als fertige GbR zu Ihnen?
Die kamen als fertige GbR zu uns. Die haben nach so einem Projekt gesucht.

Wie viele Leute sind das?
Im Moment sind es 7 Mitglieder.

Sind das Alleinlebende oder...
... das kann ich Ihnen nicht sagen. Also ein Pärchen ist dabei, aber ob die eine Wohnung haben oder 2 das weiß ich nicht. Wir vermieten denen ja die ganze Einheit, und wie die dann die Wohnungen unter sich aufteilen, wissen wir nicht.

Also die machen als GbR mit der Genossenschaft einen Mietvertrag?
Ja.

Und wenn eine Wohnung frei wird, suchen die sich einen neuen Mitmieter oder eine neue Mitmieterin?
Ja.

Und wie regeln Sie das? ... mit einem Kooperationsvertrag?
Wenn man geschickt ist, kann man das auch im Rahmen eines Dauernutzungsvertrages regeln. So heißen die Mietverträge bei Genossenschaften. Weil eine Genossenschaft, anders als der freie Vermieter, auf sein Recht zur Kündigung wegen Eigenbedarfs oder wirtschaftlicher Verwertung im Vertrag verzichtet.
Wenn wir mit einer Wohngemeinschaft einen Mietvertrag machen über eine Wohnung und einer möchte raus, dann kann der nicht raus. Es können nur entweder alle kündigen oder keiner kann kündigen. Bei der GbR ist das ganz clever gemacht, denn Partner ist die Gesellschaft. Aber wer hinter der Gesellschaft steht, das kann einer sein, das können 3 sein, das können 5 sein. Im Moment sind es, nach dem was wir wissen, 7 Mitglieder. Und wenn jetzt ein Mitglied sterben würde, Konjunktiv, das kann ja passieren, dann würde das den Mietvertrag nicht berühren, denn der Mietvertrag ist ja mit der GbR, und die hat einen Gesellschafter weniger und hätte dann die Möglichkeit entweder zu sagen, wir machen zu sechst weiter, oder wir suchen uns wieder jemanden. Ich bin auch nicht sicher, ob die 7 Mitglieder, die sie jetzt haben, das Ende der Kette sind. Vielleicht kommen auch noch ein 8. oder 9. dazu. Das weiß ich nicht.

Müssen die Einzelnen der GbR auch noch Mitglieder in der Genossenschaft werden?
Nein. Die GbR ist Mitglied er Genossenschaft. Aber unabhängig davon haben sämtliche 7 heutige Mitglieder gesagt, wir wollen ein ganz eindeutiges Signal senden, wir stehen zu der Idee vom Möckernkiez und werden alle selber noch Mitglieder. Also die GbR ist Mitglied und jeder von den 7 Gesellschaftern ist auch noch persönlich Mitglied der Genossenschaft.

 


Wir mussten unser Eigenkapital, was wir in die Baustelle stecken mussten, aus dem Geschäftsguthaben darstellen.

 

Wenn man Mitglied in der Genossenschaft wird, was muss man dann zahlen?
Wenn Sie Mitglied der Genossenschaft werden wollen, müssen Sie beim Möckernkiez, so ist das in der Satzung geregelt, 2 Geschäftsanteile erwerben. Ein Geschäftsanteil kostet 500 Euro, sprich also 1000 Euro, und Sie müssen ein Mal 100 Euro Beitrittsgebühr zahlen. Wenn Sie dann irgendwann mal aus der Genossenschaft ausziehen oder Ihre Geschäftsanteile kündigen, kriegen Sie die 1000 Euro zurück, die 100 Euro sind verloren.

Aber die GbR muss doch auch einen bestimmten Anteil der Erstellungskosten der Wohnungen, die sie mietet, einzahlen.
Wie jedes Mitglied auch. Wir sind ja eine junge Genossenschaft, kein tradiertes Unternehmen, was 100 Jahre alt ist und über notwendige Rücklagen verfügt und über mehrere Wohnanlagen, wo man mal quer subventionieren kann. Wir mussten unser Eigenkapital, was wir dort drüben in die Baustelle stecken mussten, aus dem Geschäftsguthaben darstellen. Das heißt mit anderen Worten, wenn Sie bei uns eine Wohnung beziehen wollen oder eine Wohnung an Sie vergeben worden ist, mussten Sie Ihr Geschäftsguthaben aufstocken und zwar pro Quadratmeter Wohnfläche um 920 Euro.
Wir machen es mal ganz einfach, am Beispiel einer 100 Quadratmeter Wohnung müssen Sie als Mitglied dann 92 000 Euro zeichnen und auch bezahlen, wobei die 1000 Euro, die Sie über Ihre beiden Pflichtanteile schon eingezahlt haben, natürlich darauf angerechnet werden, und Sie brauchen dann "nur noch" 91 000 Euro nachzulegen.

Haben Sie alle Wohnungen weg?
Ja und Nein. Wir hatten alle Wohnungen weg, also es waren alle Wohnungen vergeben, auf dem Papier. Und wir hatten auch diesbezüglich ein Geschäftsguthaben in der Kasse. Und wenn das planmüßig verlaufen wäre mit dem Möckernkiez, wären die ersten Bezüge ja schon Anfang 2015 gewesen, das war mal die ursprüngliche Planung. Und nun haben sich durch diese zeitliche Verschiebung natürlich auch Lebensläufe geändert. Ein Partner ist gestorben, ein Paar ist auseinandergegangen, da ist ein Kind hinzugekommen, jemand ist nach Frankfurt versetzt worden, also es gibt ein ganzes Potpourri an Gründen. Der eine oder andere hat relativ frühzeitig gesagt, ich steige aus und gebe die Wohnung zurück, aber es gibt auch viele, die die Wohnung bis zum letzten Moment gehalten haben. Und jetzt, wo wir die Dauernutzungsverträge den Leuten zur Unterschrift anbieten, da müssen sie Farbe bekennen. Und jetzt kommt der eine oder andere und sagt: Ich bleibe doch lieber in meiner alten Wohnung. Wir haben ein nettes Ehepaar, die sind alte Mitglieder und bei uns auch im Gemeinschaftswesen aktiv, die haben ein Haus mit 180 Quadratmetern und hier hätten sie eine Wohnung mit 75 oder 80 Quadratmetern. Und die haben sich dann doch nochmal drangesetzt und haben gesagt, nein, jetzt müssten wir unser Haus ausräumen mit den 180 Quadratmetern, wo sie wahrscheinlich seit Jahrzehnten wohnen, was wahrscheinlich dementsprechend voll gestellt ist, wie das so ist in einem Haus, und davor scheuen sie sich und deshalb haben sie die Wohnung zurückgegeben. Schade...

... kriegen die jetzt auch ihr Geld zurück, oder wie geht das dann?
Nicht ohne weiteres. Sie müssen entweder ihre Geschäftsanteile kündigen, wir haben eine Kündigungsfrist von 36 Monaten. Was man allerdings machen kann... wir haben eine durch Mitglieder betriebene Übertrager Plattform. Das heißt mit anderen Worten: Ich habe Geschäftsanteile, die ich nicht mehr benötige, zum Beispiel weil ich meine Wohnung zurück gegeben habe, und Frau Frohn hat sich bei uns um eine Wohnung beworben, hat den Zuschlag für eine Wohnung bekommen und braucht Geschäftsanteile, und dann kann sie über die Plattform fragen: Wer möchte denn gerne an mich verkaufen?
Diese 36 monatige Kündigungsfrist ist natürlich sehr lang. Wir hatten mal 24 Monate, das ist aber auf Wunsch der Banken verlängert worden, weil es auch eine Frage des Eigenkapitals und der Verfügbarkeit ist. Nehmen wir mal an, Sie haben eine Austrittswelle und dann fließt innerhalb von kurzer Zeit das Geld ab, dann kommt das Projekt ins Wanken, denn es gibt nichts zum Quersubventionieren. In 3 Jahren kann ein Vorstand schonmal gegensteuern und sich etwas einfallen lassen.

Funktioniert diese Plattform?
Die funktioniert. Wir haben im letzten Jahr über diese Plattform ungefähr 1,5 Millionen Euro hin und her geschoben.

 


In jedem der 14 Gebäude gibt es eine Hausgruppe und einen Hausgruppensprecher.

 

Und wenn man das Projekt unterstützen will, aber nicht selbst wohnen will, kann man dann Geld in die Genossenschaft geben, und kriegt man etwas dafür?
Sie können Mitglied werden. Wir haben weit mehr Mitglieder als Wohnungen. Aber im Moment befinden wir uns in der Projektphase, das heißt mit anderen Worten, wir haben außer einigen kleinen Werbeeinnahmen keine Einnahmen. Aber wir haben natürlich Ausgaben. Wir haben eine Geschäftsstelle, wir haben Mitarbeiter, das heißt wir haben einen Verlustvortrag im siebenstelligen Bereich, geplant, ganz normal, auch von den Banken akzeptiert und durchkalkuliert. Deshalb können Sie im Moment nur an den genossenschaftlichen Aktivitäten teilnehmen, aber Sie haben keinen materiellen Vorteil in Form einer Verzinsung. Und da wird sich auch bis Mitte des nächsten Jahrzehnts, also bis 2025/26 nichts ändern. Und ob es danach eine Verzinsung gibt, da bin ich mir nicht so sicher, ich bin dann mit Sicherheit altersbedingt nicht mehr dabei. Aber ich würde dann in so einer Situation den Mitgliedern raten, das Geld, was da übrig ist, lieber zu nehmen und Darlehen zu tilgen als irgendwelche Ausschüttungen von 1 oder 2 Prozent zu tätigen. Das ist natürlich schön, aber es ist ein Tropfen auf einen heißen Stein. Aber wenn man dieses Geld nimmt und Sondertilgungen vornimmt, die wir vereinbart haben, um schneller aus den Klauen der Banken zu kommen, dann ist das sicherlich, aus wirtschaftlichem Gesichtspunkt, die deutlich bessere Anlage. Der Vorstand würde dann einen Vorschlag in der Mitgliederversammlung machen, und die Mitglieder müssten dann drüber abstimmen. Sie sind frei, sie können auch einen anderen Beschluss fassen.

Ich komme ja aus NRW, aus Köln, wir haben da Wohnberechtigungsscheine, ich weiß nicht wie das hier in Berlin geregelt ist. Gibt es die hier auch?
Es gibt hier in Berlin Wohnberechtigungsscheine, die Einkommensbezogen sind.

Und haben Sie hier im Möckernkiez auch Wohnungen für Leute mit Wohnberechtigungsschein?
Nein, solche Wohnungen haben wir hier nicht.

Echt nicht?
Nein, haben wir nicht, weil die Förderungsbedingungen des Landes Berlin einfach zu schlecht waren. Ich halte persönlich von dieser Förderung nicht allzuviel, weil den Prozentanteil an Sozialbauwohnungen mit niedrigen Mieten, in Berlin ist das eine Einstiegsmiete von 6,50 Euro, darf der Bauherr über andere Sachen querfinanzierten. Das heißt mit anderen Worten, ich habe einen Teil der Wohnungen für 6,50, habe Baukosten, ich sage mal in einer Größenordnung um die 10 Euro, und um da keinen Verlust zu machen, muss ich die anderen Wohnungen mindesten für 11, 12, 13 Euro vermieten. Was passiert mit dem Busfahrer und der Krankenschwester? 6 Euro 50, das kriegen die nicht, denn da liegen sie mit ihrem Einkommen drüber, aber 12 Euro können sie auch nicht bezahlen. Dieses gesellschaftliche Mittelfeld ist eigentlich der Gelackmeierte bei diesem Modell.

 


Ich bin damals auf eine Versammlung bestellt worden, die hat 8 Stunden gedauert.

 

Vorhin haben Sie den Begriff "Gemeinschaftswesen" erwähnt. Da möchte ich mal nachfragen, was Sie damit, auf dieses Projekt bezogen, meinen.
Wenn Sie nach drüben gucken sehen Sie dort 14 verschiedene Gebäude. Das sieht man nicht auf den 1. Blick. Die Häuser sind architektonisch miteinander verbunden, aber sie sind räumlich getrennt. In jedem dieser 14 Gebäude gibt es eine Hausgruppe und einen Hausgruppensprecher. Und diese Hausgruppen haben sich nicht erst gestern und vorgestern getroffen, sondern die gibt es schon seit Ende 2014, solange treffen die sich regelmäßig im 4 bis 6 Wochen Rhythmus. Und jede Hausgruppe hat einen Hausgruppensprecher und einen Stellvertreter. Der jeweilige Hausgruppensprecher hat seinen Platz in einem Beirat. Der Beirat ist auch bei uns in der Satzung aufgeführt. Er ist beratendes Gremium und soll die Distanz zwischen der Basis, den Mitgliedern auf der einen Seite und dem Aufsichtsrat und dem Vorstand auf der anderen Seite verkürzen. Das heißt, da holen wir uns als Vorstand und Aufsichtsrat das Meinungsbild der Genossenschaftsmitglieder ab.
Viele Probleme werden in den Hausgruppen besprochen und dann über die Hausgruppensprecher in den Beirat eingebracht und dann im Beirat weiter diskutiert. Seit wir die Satzung geändert haben, dass der Vorstand nicht mehr von der Mitgliederversammlung, sondern vom Aufsichtsrat bestellt wird, machen wir es so, dass wir die Diskussionen über bestimmte Dinge innerhalb der Genossenschaft gar nicht mehr in der Mitgliederversammlung führen. Weil zu einer Mitgliederversammlung kommen bei uns ungefähr 350 bis 400 Leute. Vor meiner Zeit waren das Versammlungen, die haben 6 oder 7 Stunden gedauert. Ich bin damals auf eine Versammlung bestellt worden, die hat 8 Stunden gedauert.

Da haben Sie wahrscheinlich gesagt: das mache ich nie wieder!
Richtig. Nach 8 Stunden wissen Sie auch nicht mehr, was Sie gesprochen haben und was Sie beschlossen haben, wenn Sie überhaupt etwas beschlossen haben. Meistens gab es auch überhaupt keine Beschlüsse, weil die Leute nach 6, 7 oder 8 Stunden platt waren. Ganz normal. Und deshalb haben wir gesagt, wir verlagern die Themen in den Beirat und in die Hausgruppen.
Ich mache mal ein Beispiel. Wir haben im Jahr 2016 die Vergaberichtlinien für die Wohnungen geändert. Das heißt, ich habe als zuständiger Vorstand die Vergaberichtlinien überarbeitet, habe neue geschrieben und habe, nachdem ich mir das Okay vom Aufsichtsrat geholt hatte, sie im Beirat vorgestellt. Der Beirat hat sie genommen und in die Hausgruppen gebracht. Dort wurden sie an der Basis diskutiert, und dann kamen die Ergebnisse und Änderungswünsche zurück. Die waren natürlich vielfältig und manche haben sich auch widersprochen, und im Beirat haben wir dann zusammen, Vorstand, Aufsichtsrat und Beirat überlegt und besprochen, was machen wir daraus? Dann haben wir ein gemeinsames Papier entwickelt, und erst damit sind wir in die Mitgliederversammlung gegangen und haben da das Papier vorgestellt. In der Mitgliederversammlung gab es dann eine ganz kurze Diskussion, und dann wurde abgestimmt.

 


Das eine oder andere an Wünschen und Idealen ist auf das Machbare und Realistische runtergefahren worden.

 

Haben Sie das alles hinbekommen, ohne Moderation von außen?
Ja. Alles ohne Moderation von außen. Es war ein Kraftakt. Aber wir haben auch einen guten Beirat. Und ich denke mal, die schwierige Situation, in der sich die Genossenschaft befunden hat, die schwierige Zeit, die wir durchlebt haben, hat die Genossenschaft gestärkt, das muss ich jetzt im Nachhinein sagen. Die Leute sind näher aneinander gerutscht. Mein Part ist der Kaufmännische gewesen... ich habe den Leuten immer gesagt: Ihr könnt Euch alles wünschen, aber Ihr müsst immer dran denken, es muss auch einer bezahlen, von außen gibt es kein Geld, wir müssen das aufbringen. Das eine oder andere an Wünschen und Idealen ist auf das Machbare und Realistische runtergefahren worden.
Die meisten unsere Genossenschaftsmitglieder sind, vom Wirtschaftlichen her, sicherlich gutes Bürgertum, so würde man es in diesem Lande sagen, aber wir haben auch Mitglieder, die nicht so gut betucht sind. Und es war immer Ziel, bei allen Einschränkungen und auch bei den Mieterhöhungen, die wir im Laufe der Zeit durchboxen mussten, alle so weit wie möglich mitzunehmen. Wir haben nicht alle, aber die überwiegende Mehrheit haben wir mitnehmen können.

Mich interessieren noch einige Zahlen. Wie groß sind die Hausgemeinschaften?
Zwischen 19 und 48 Bewohnern.

Und der Beirat, aus wie vielen Leuten besteht der?
Der Beirat besteht aus 14 Hausgruppensprechern. Dann der Sprecher der 15. Gruppe, das sind die Mitglieder ohne Wohnung. Das ist die größte "Hausgruppe", die müssen ja auch vertreten sein.

Wie groß ist diese Gruppe?
Irgendwas im vierstelligen Bereich, über Tausend, aber die sind am schlechtesten strukturiert und auch am schlechtesten organisiert und haben auch die wenigsten Interessen, weil sie durch die fehlende Wohnungsanbindung auch nicht diesen Bezug zur Genossenschaft haben. Also 15 Hausgruppensprecher, plus Beiratssprecher und sein Stellvertreter, also 17 Leute...

... wo kommt denn der Beiratssprecher her, wer wählt den?
Der Beiratssprecher und sein Stellvertreter werden vom Beirat gewählt. Sie sind Leute, die in der Wohnanlage wohnen, sie sind auch Mitglieder von Hausgruppen, aber sie sind keine Hausgruppensprecher. Jeder kann sich zur Wahl stellen. Unser Beiratsvorsitzender war in der Tat mal ursprünglich Sprecher seiner Hausgruppe, aber nachdem er Sprecher des Beirats geworden war, hat er gesagt, ich kann nur auf einem Stuhl sitzen, ich will Sprecher des Beirats sein, aber nicht Sprecher meiner Hausgruppe, das soll mal jemand anderes machen.

Wie viele Menschen sind im Raum, wenn sich Beirat und Vorstand und Aufsichtsrat treffen?
Wenn alle da sind, sind es die 17 Sprecher, also die 15 Hausgruppensprecher, die beiden Beiratssprecher, ein Aufsichtsratsmitglied und die beiden Vorstände, das sind insgesamt 20. Und dann sind diese Versammlungen auch immer öffentlich. Auch das Protokoll dieser Versammlungen geht an alle Hausgruppen, so dass jeder weiß, was in der Beiratsversammlung besprochen wurde. Bei so einer Versammlung mit dem Beirat können 50, 60, 70 Leute sitzen.

Und können diejenigen, die dazukommen, auch reden, oder dürfen sie nur zuhören.
Sie dürfen auch reden.

Müssen sie das vorher ankündigen?
Nein.

Und das geht?
Das geht. Unser Beiratssprecher kommt aus dem Gewerkschaftswesen. Er war hier in Berlin Jahrzehntelang Gewerkschaftsfunktionär, er ist sehr erfahren und kann auch ab und zu mal autoritär sein.... jetzt brauchen wir mal ein Ergebnis!... jetzt nur noch 3 Redebeiträge!... das kann der gut.

 


Es kommt aufs Engagement an.

 

Mich interessiert noch, wie das damals war, als Sie zum Vorstand berufen wurden. Wurden Sie da gewählt? Und wer hat Sie gewählt?
Ich bin von 502 Mitgliedern in einer Mitgliederversammlung gewählt worden. Das war damals eine Versammlung, in der aufgeräumt werden sollte, da ging es um das Fortbestehen der Genossenschaft. Das war schon eine sehr haarige Sitzung, und deswegen war auch das Interesse der Mitglieder verständlicherweise so groß. Das war der 13. Dezember 2014. Wir haben auch seitdem nie wieder so viele Mitglieder bei einer Versammlung gehabt. 502 waren die Ja-Stimmen. Ich hatte auch ein paar Nein-Stimmen, das muss ich ehrlicherweise sagen.

Noch eine Frage zu den Aufsichtsratsmitgliedern. Müssen die auch, genau wie der Vorstand, Mitglieder der Genossenschaft sein, oder könnte im Aufsichtsrat auch jemand von außen sitzen?
Aufsichtsratsmitglieder müssen Mitglieder der Genossenschaft sein. Das steht in der Satzung.

Finden Sie das gut?
Das kann man sehen wie man will. Sicherlich haben Sie bei Wohnungsbaugesellschaften, wo von der Gesellschafterseite her der Aufsichtsrat bestimmt wird, unter Umständen Mehrfachkompetenz drin. Eine von Bürgern gegründete Genossenschaft rekrutiert sich aus Mitgliedern, die sich engagieren wollen, die müssen nicht immer zwingend Fachkenntnisse aus der Wohnungswirtschaft oder rund um die Immobilie mitbringen. Deshalb bin ich da so ein bisschen vorsichtig. Auf der anderen Seite ist es mal ganz interessant, jemanden drin zu haben, der von Wohnungswirtschaft nichts versteht, der auf das Bauwerk mit einem ganz anderen Blick guckt und ganz andere Ideen hat. Ich merke selber, wie nach 30 Jahren die Scheuklappen immer enger werden und man seinen starren Blick hat, wenn man 30 Jahre nichts anderes gemacht hat. Und dann kommt auf ein Mal jemand, der stellt sich neben einen und sagt: hast du mal daran gedacht, hast du mal daran gedacht?
Es kommt immer auf die Situation und auf die Menschen an. Es kommt aufs Engagement an. Jeder Mensch hat ein Talent. Die Frage ist, wie kann ich mein Talent in diese Sache, in dieses Gremium oder in diesen Aufsichtsrat einbringen. Und will ich es einbringen. Deshalb kann ein Rentner genau so gut sein, wie ein Profi aus der Immobilienwirtschaft.

Würden Sie sagen, dass Sie in den Jahren hier beim Möckernkiez viel gelernt haben?
Ich bin hierher gekommen, da war ich 30 Jahre in der Immobilienwirtschaft und habe gedacht, eigentlich hast du schon alles gesehen, dich kann nichts mehr überraschen. Ich habe hier sehr viel gelernt. Es gibt in Berlin eine Tageszeitung, der Tagesspiegel, die haben am Wochenende über den Möckernkiez berichtet, und ich hatte dem Journalisten gesagt, die Menschen im Möckernkiez ticken anders. Und das war die Überschrift. Dazu stehe ich auch, die ticken wirklich anders.

Und wie ticken die?
2015 hatten wir den Vorstandswechsel. Die 3 Erstvorstände wurden nach einer Übergangsfrist freigestellt, und meine Kollegin, die Architektin und Ingenieurin ist, und ich wurden ab 1.1.2015 Vorstand. Wir haben ein Mal das ganze Projekt... wir haben jeden Stein umgedreht.

Kannten Sie beide sich vorher?
Nein. Wir kannten uns beide nicht. Und nachdem wir alles umgedreht hatten, haben wir überlegt, was müssen wir machen, um das Schiff wieder flott zu kriegen?

Um nochmal nachvollziehbar zu machen, wie das damals hier aussah... da standen einige Gebäude hier im Rohbau...
... da standen drüben 4 Gebäude im Rohbau, keine Fenster, ein Notdach drauf, die Fenster waren für den Winter mit Folie abgeklebt, die Gerüste standen noch, es gab einen großen Zaun drumrum und einen Wachtdienst, der aufgepasst hat, dass nicht allzu viele Dummheiten auf der Baustelle passieren.

Und wie lange gab es diesen Zustand, diesen Baustopp, in dem nichts weiterging?
Von November 2014 bis Juni 2016. Also wir haben eineinhalb Jahre gebraucht, bis wir das Schiff wieder klar hatten. Eine von den Prämissen, die wir geändert haben... letztendlich nicht ganz freiwillig, sondern die Banken haben das auch gefordert... unsere Vorgänger wollten in Einzelvergabe bauen, also die Aufträge einzeln vergeben an Maler, Tischler und und und, und da haben die Banken gesagt, das ist viel zu riskant, bei der Größe des Projektes... und vor allen Dingen, die Genossenschaft war neu, hatte keine Mitarbeiter, die auf Neubau spezialisiert waren, und deshalb haben die Banken gesagt, wir sollen uns einen Generalunternehmer suchen. Meine Kollegin hat das auch bis zum Herbst 2015 hingekriegt. Aber die Finanzierungsseite zu realisieren war deutlich schwieriger, weil unsere Vorgänger nicht ganz geschickt waren im Umgang mit den Banken, um es mal vorsichtig zu sagen. Und dann ist natürlich ein stecken gebliebenes Bauvorhaben für die Banken vollkommen uninteressant und eher ein Grund abzulehnen. Deshalb haben wir bis Ende Mai 2016 gebraucht, bis wir ein Banken Konsortium vom Projekt überzeugen konnten und von der finanziellen Machbarkeit.

 


60 Prozent der Leute haben mehr gezahlt, damit 40 Prozent weniger zahlen müssen. Das fand ich sensationell.

 

Waren die Vorgänger von Ihnen auch schon hauptberuflich Vorstände, oder haben sie es ehrenamtlich gemacht?
Nein, sie haben auch Geld dafür bekommen. Ganz am Anfang haben sie es ehrenamtlich gemacht, aber irgendwann wurde relativ frühzeitig der Hebel umgelegt, aber ich weiß nicht, wann das war.
Sie fragten vorhin, wieso die Leute hier anders ticken. Einer der Bausteine, die wir geändert haben, waren die Mieten. Auch das war in Absprache mit den Banken, die gesagt haben, die Eigenbeteiligung der Bewohner zu den damaligen Mieten ist zu gering, sie möchten mehr Mieten sehen. Erstens wegen der Summe, aber sie wollen auch sehen, ob die Leute auch wirklich hinter dem Projekt stehen. Und wir haben dann im August 2015 diesbezüglich eine Mitgliederversammlung gehabt, die... das sage ich ganz ehrlich, wo ich am Anfang mir nicht sicher war, ob wir vom Hof gejagt werden, denn wir haben den Mitgliedern vorgeschlagen, die Mieten um einen Euro pro Quadratmeter im Monat zu erhöhen. Ich habe einen Kollegen, als ich ihm das vorher berichtet habe, sagte er, wenn ich 20 Cent anbieten würde, würden viele Eier und Tomaten fliegen, und du traust dich einen Euro anzubieten, das ist mutig. Und die Leute haben geklatscht. Jetzt gehts voran!
Aber sie hatten eine Auflage... und das fand ich interessant, und deshalb sage ich, die Leute ticken anders. Für dieses ganze Areal gab es schon vor unserer Zeit, aus den Anfängen der Genossenschaft, ein Mietenkonzept. Es war ein Wohnwertkatalog erstellt worden bestehend aus 12 verschiedenen Miethöhen. Wenn Sie das Areal sehen, ist das Grundstück in 3 Streifen unterteilt: Park ist Kategorie A, Mitte ist Kategorie B und an der Verkehrsstrasse Kategorie C. Und in jeder Kategorie gibt es 4 Stufen. Kategorie A am Park die Dachgeschosswohnung ist A1, die höchste Miete. Die Wohnung an der Yorkstrasse im 1. Stock über den Läden ist C4, die billigste Miete. Das haben die Mitglieder sehr clever mal beschlossen, und jede Wohnung ist einer Preis-Kategorie zugeordnet. Und der eine Euro, um den es damals ging, dahinter stand eine Jahresmietsumme im sechsstelligen Bereich, die wir brauchten, weil die Banken gesagt hatten, das stellen wir uns so vor. Und dann haben wir gerechnet und sind zufällig bei einem Euro angekommen. Und da haben die Mitglieder gesagt: Wir verstehen die Summe, diesen sechsstelligen Betrag, aber Ihr müsst euch etwas einfallen lassen, das sozialverträglich ist. Die Mieten waren damals von 7,07 Euro die billigste bis 11,04 Euro am Park. Ein Euro oben drauf, das ist ganz einfach, da zahlt der, der bisher 7,07 gezahlt hat 8,07. Und da haben die Mitglieder gesagt: Nein, das sind ja eher die Familien mit den Kindern und die Leute, die nicht so viel Geld haben, die wollen wir schützen. Wir wollen sozialverträglich erhöhen. Und da haben wir uns überlegt, wir erhöhen alle Mieten um den gleichen Prozentsatz. Wir haben dann festgestellt, wenn wir alle Mieten um 10,7 Prozent erhöhen, kommen wir genau auf diesen sechsstelligen Betrag, den wir brauchen, aber mit der Auswirkung, dass derjenige, der hier unten wohnt, nur eine Erhöhung von 77 Cent hat, und die am Park wohnen, zahlen nicht einen Euro mehr, sondern 1,30 Euro.
Die Leute reden ja immer gerne, jeder hat ja gerne ein soziales Image in dieser Gesellschaft, aber wenn es ans Portmonnaie geht... und dann habe ich mir die Verteilung angeguckt, 60 Prozent der Leute haben mehr als einen Euro gezahlt, damit 40 Prozent weniger zahlen müssen. Das fand ich sensationell. Das habe ich vorher noch nie erlebt.

Gelebte Solidarität...
... das ist die Philosophie des Möckernkiez. Und wenn jemand Neues kommt und sagt, ich interessiere mich für einen Beitritt, dann frage ich immer: Wollen Sie hier mit uns wohnen, oder wollen Sie hier mit uns leben? Und wenn jemand nur eine Wohnung sucht, dann sage ich: Tun Sie mir einen Gefallen, gehen Sie 2 Häuser weiter, da sind Sie besser aufgehoben als bei uns. Bei uns müssen Sie leben, was heißt, Sie müssen Verantwortung übernehmen. Das heißt, ich übernehme nicht nur Verantwortung für mich, sondern ich übernehme auch Verantwortung für meine Nachbarin. Und wenn ich sie 3 Tage nicht gesehen habe, dann klingele ich und gucke, ob es ihr noch gut geht.
Das 2. Beispiel. Ich bin zuhause, Sie arbeiten. Ich nehme um 15 Uhr Ihre Kinder in Empfang und mache mit ihnen Schularbeiten, und wenn Sie um 18 Uhr 30 nachhause kommen, ist das Thema schon durch, und dafür haben Sie mir die Kiste Selter mitgebracht, die ich mit meinem Rollator relativ schlecht von Aldi holen kann.
Dann haben wir jemanden bei uns, der ist sehr schlecht zu Fuß, der sitzt noch nicht im Rollstuhl, aber es wird ihm bald blühen, noch hält er sich an einem Rollator fest. Aber dadurch, dass unsere Türen so gut sind und feuerfest sind, sind sie schwer zu öffnen. Der kann die Tür kaum öffnen, aber er hat in seinem Handy die Nummern von 5 Nachbarn. Die klingelt er einen nach dem anderen an, und die lassen ihn dann rein, einer von den Fünfen ist zuhause. Das ist das, was ich meine mit Verantwortung für Nachbarn.


Wir wollen hier Gemeinschaftsräume! Lasst euch etwas einfallen lieber Vorstand!

 

Ist das Solidarische irgendwo festgehalten?
Nein. Das steckt entweder im Kopf oder in den Herzen der Leute. Es ist nirgendwo festgeschrieben, das ist der Anspruch, den die Leute an sich haben. Ich bin ein Großstädter, in dieser Form habe ich Gesellschaft noch nicht erlebt. Ich kenne gutmütige Menschen, die hilfsbereit sind, keine Frage. Aber diese Ansammlung hier, die ist etwas Besonderes. Das ist anders, als was man es gemeinhin kennt.

Ich möchte Sie noch nach Gemeinschaftsräumen fragen. Wie haben Sie das hier gemacht? Gibt es in jedem Haus einen Gemeinschaftsraum?
Auch eine schöne Geschichte. In jedem Haus gibt Gemeinschaftsflächen. Das sind teilweise Dachflächen, die als Gemeinschaftsflächen genutzt werden können. Einzelne Häuser haben auch kleinere Gemeinschaftsräume, aber die sind nicht so groß. Als wir wieder angefangen haben zu bauen, kam nach einem viertel Jahr die Frage: Wo sind denn unsere Gemeinschaftsräume? Da haben mein Kollegin und ich uns angeguckt und gemeint: Da die Dachterrasse und da der Kellerraum. Die Bewohner aber haben gesagt: Nein Nein, wir dachten an Räume, wo wir uns alle treffen können!... für die aus einem Haus reicht der Raum gerade so, aber wenn die aus dem Nachbarhaus dazukommen, dann haben wir gar keinen Platz. Und dann haben meine Kollegin und ich gemeint: Unsere Vorgänger haben gesagt, Ihr wolltet das nicht mehr, die haben alles umgewidmet und umgeplant, und wir haben keinen Platz mehr.

Dann die Bewohner: Ja, aber wir wollen hier Gemeinschaftsräume. Lasst euch etwas einfallen lieber Vorstand!
Und dann haben wir nachgedacht. Und das einzige, was uns noch einfiel, waren 2 Gewerbeflächen. Aber die Gewerbeflächen waren mit 13 Euro den Banken versprochen. Und dann haben wir gesagt: Hier haben wir etwas, das sind Gewerbeflächen, unausgebaut, Warmmiete 15,50 Euro pro Quadratmeter, das haben wir den Banken versprochen, die müssen wir haben, und den Ausbau müsst ihr auch noch bezahlen, oder ihr macht ihn selber. Die Antwort war: Ja und? Dann rechnet mal den Zuschlag! Aber bitte sozialverträglich! Das heißt mit anderen Worten, dafür, dass wir jetzt 2 zentrale Gemeinschaftsräume haben, also eine Hobbywerkstatt und einen Treffpunkt, wo ein Café drin ist und der Gemeinschaftsraum, zahlen die Mitglieder pro Monat zwischen 10 und 20 Euro extra.

Und wie groß ist dieser Gemeinschaftsraum für alle?
Das sind mehrere Räume, der Werkraum ist 50 und der Treffpunkt ist 250 Quadratmeter.

Ausgestattet mit Mobiliar, Bestuhlung und allem drum und dran?
Jaja. Wir hätten das sonst nackt vermietet, an irgendjemanden. Wenn wir die Räume für solche Zwecke zur Verfügung stellen, müssen wir Ersatz für den Mietausfall haben, denn das müssen wir den Banken zeigen. Es gab dann eine Arbeitsgruppe, die gesagt hat, was ungefähr rein soll, wie es ausgestattet sein soll, und dann haben wir uns Angebote eingeholt und sind insgesamt auf eine Paketsumme von X gekommen. Und dann gab es anfangs 2 Finanzierungsmodelle. Diejenigen, die die großen Wohnungen haben, haben gesagt, wir teilen durch 471, also die Gesamtzahl der Wohnungen, und diejenigen, die die kleinen Wohnungen haben, haben gesagt, nein, wir wollen nach Quadratmetern teilen.

Und was ist letztlich dabei rausgekommen?
Wir haben eine Mischung gemacht. Wir haben gesagt: Jede Wohnung muss einen Betrag von 6 Euro 70 zahlen. Und pro Quadratmeter Wohnfläche nochmal 19 Cent extra. So haben wir die Enden ein bisschen eingekürzt.

Wer kommt auf diese tollen Ideen?
Das entwickelt sich. Aus der Diskussion heraus. Ich weiß nur, dass ich am Anfang etwas skeptisch war, aber dann habe ich gesagt, das ist ja logisch, man schneidet links und rechts außen ab und hat ein breites Mittelfeld, eine tolle Idee. Und auch das wieder wurde mit über 90 Prozent der Stimmen angenommen.

 


Im Nachhinein kann ich nur sagen, die große Krise hat die Gemeinschaft zusammengeschweißt.

 

Um langsam zum Schluss zu kommen noch eine letzte Frage. Gibt es Workshops, zum Beispiel in Gemeinschaftsbildung oder um Kommunikationsformen in Gruppen zu lernen, oder um zu lernen, wie man Entscheidungen in Gruppen trifft, die nicht nach dem Mehrheitsprinzip gehen?
Noch nicht. Vielleicht kommt das noch. Bisher haben wir es noch nicht nötig gehabt. Aber man kommt ja immer in Situationen, wo es eng wird oder wo Leute in Diskussionen aufeinander prallen. Diese Gemeinschaftsräume, über die ich vorhin gesprochen habe, da sollen die Leute sich ja nicht nur treffen, sondern da sollen ja auch Veranstaltungen gemacht werden. Lesungen sollen gemacht werden, es wird eine
Yoga-Gruppe geben, es gibt heute schon einen Chor, der sich ein Mal in der Woche trifft. Und ich gehe davon aus, da wird es noch weitere Aktivitäten geben. Ich denke immer, da wird sich hier einiges tun, das wird etwas dauern bis es wächst, aber die Anfänge sind vielversprechend. Wenn ich so sehe, welche Schwierigkeiten die Genossenschaft bisher überwunden hat. Natürlich gab es Austritte, es gab auch Enttäuschte, und es gab auch einen Nörgler, das ist normal. Im Nachhinein kann ich nur sagen, die große Krise hat die Gemeinschaft zusammengeschweißt. Sie sind alle geerdet worden. Sie wissen inzwischen, was machbar und was nicht machbar ist. Und wenn einer mit einer abstrusen Idee kommt, dann sagt er: Ich habe eine abstruse Idee und ich habe auch schon eine Idee, wie man es finanzieren und wie man es umsetzen kann. Also es haut keiner irgendeine Idee raus und sagt: Jetzt macht mal!
Ich bin gespannt wie es in 2 Jahren ist. Die ersten 180 Wohnung sind bewohnt, und der 2. Teil wird jetzt im Sommer kommen, zum 1. Juli und 1. August. Und dann braucht man sicherlich ein oder eineinhalb Jahre bis sich die Gemeinschaft gefunden hat. Die Hausgruppen sind sehr gut organisiert, dadurch hat man natürlich schon eine Basis. Und auch dadurch, dass sie sich alle 4 Wochen treffen, und auch der Beirat mit dem Vorstand und dem Aufsichtsrat, da ist die Kommunikation sehr eng.

Sie selbst werden dort aber nicht wohnen, oder?
Ich werde dort nicht wohnen, ich werde nicht Oberhausmeister sein. Wenn morgens um halb sechs einer der Mitbewohner sagt: Herr Nitsche ich habe einen tropfenden Wasserhahn, ich habe keinen anderen gefunden außer Ihnen. Davor habe ich einen absoluten Horror. Deshalb werde ich da drüben nicht einziehen. Jedenfalls nicht, solange ich Vorstand bin. Vielleicht irgendwann mal später, aber im Moment nein. Ein Profi wohnt nicht bei sich selber.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Möckernkiez eG in Berlin

 

impressum - datenschutz