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Kathleen Battke und Thomas Bebiolka, ZukunftsPioniere GbR, Amaryllis eG in Bonn

Zum Interview trafen wir uns am 12. April 2018 in Bonn.

 

 


 
Kathleen Battke und Thomas Bebiolka

Ihr beschäftigt euch nicht nur forschend und beratend mit dem Thema Kommunikation und Gemeinschaft, sondern ihr lebt hier bei Amaryllis ja auch in einem Gemeinschaftlichen Wohnprojekt. Daher möchte ich dich fragen Thomas: Weißt du wie Gemeinschaft geht?
Thomas: Ich glaube schon, dass ich weiß wie Gemeinschaft geht. Aber in erster Linie nicht aufgrund meiner Erfahrung in einem Wohnprojekt, in dem ich seit neun Jahren lebe, sondern aufgrund meiner spirituellen Erfahrung, die ich hierhin schon mitgebracht habe. Darüber wissen hier nur ganz wenige Leute etwas. Ich treffe hier auf so viele unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse und Haltungen, dass ich sehe, was es bedeutet, Unterschiedlichkeit unter einem Begriff zu versammeln. Oft habe ich das Gefühl, wir fangen immer wieder bei Null an. Hat man einen bestimmten Punkt erreicht, dann passiert wieder irgendwas, was uns zurückfallen lässt, oder es kommen neue Mitbewohner*innen dazu. Auf diese Art und Weise, die ich zum Teil etwas ermüdend finde, entsteht trotzdem eine Qualität, für die ich Wertschätzung aufbringe - auch wenn ich mir das anders gewünscht habe.

Kathleen, weißt du wie Gemeinschaft geht?
Kathleen: Ich weiß immer wieder nicht, wie Gemeinschaft geht. Aber ich meine zu wissen, wie sie gehen könnte. Einerseits schließe ich mich dem an, was Thomas gesagt hat, weil wir da einen Hintergrund haben, der sich berührt und woher wir unsere Gemeinschaftsbilder und auch unsere Erfahrungen beziehen. Für mich ist Gemeinschaft kein Produkt, kein Ergebnis, sondern ein dauerhafter Prozess. Es ist sozusagen ein Verb - „gemeinschaften“ hieße das vielleicht, oder eben „Gemeinschaft-bilden“. Etwas, was wir immer wieder neu herstellen können und müssen. Deswegen habe ich eine Ahnung davon und auch Erfahrung damit gesammelt, wie so ein Prozess laufen könnte, um immer mehr in eine Gemeinschafts-Wahrnehmung und ein Wir-Empfinden hineinzuwachsen. Ich würde niemals sagen, dass ich weiß, wie es geht im Sinne von: so muss man es machen.

Wir sitzen hier in einem der Gemeinschaftsräume von Amaryllis. Könnt ihr etwas dazu sagen, was Amaryllis ausmacht und seit wann ihr hier lebt?
Kathleen: Ja, Amaryllis ist eine MehrgenerationenWohnGenossenschaft, eines der Pionierprojekte der Wohnszene in Bonn. Wir sind dieses Jahr im elften WohnJahr bei Amaryllis. Thomas und ich sind vor neun Jahren hier als Ehepaar eingezogen. Wir versuchen mit knapp 50 Erwachsenen und 15 Kindern eine gute Nachbarschaft und manche von uns auch eine Gemeinschaft zu leben.

Und? Klappt das?
Kathleen: Die gute Nachbarschaft klappt. Wir achten aufeinander, man hilft sich. Wir organisieren uns selbst als Genossenschaft. Wir sind in der Lage, unsere Gebäude zu verwalten und in Schuss zu halten. Und wenn wir uns gegenseitig in Notlagen antreffen, versuchen wir, uns zu unterstützen und zu helfen. Was darüber hinausgeht an Bedürfnissen nach Nähe und an Kontakt und Verbindlichkeit, da sind die Wünsche sehr unterschiedlich. Da wird es dann immer dünner, je stärker diese Sehnsüchte möglicherweise ausgeprägt sind.

 


Wir haben eine ziemlich ausgefeilte Arbeitsgruppenstruktur. (Kathleen)

 

Thomas, ich habe auf der Website von Amaryllis gelesen, dass du im Aufsichtsrat der Genossenschaft bist. Kannst du sagen, was das für ein Job ist, was du da machst?
Thomas: Rein formal gesehen ist der Aufsichtsrat ein Gremium, das die Arbeit des Vorstands kontrolliert. Das ist ein Verständnis, wie ich meine Arbeit gar nicht ausschließlich sehen will. Sondern ich sitze in diesem Gremium, um zu versuchen, das große Ganze im Auge zu behalten, während sich der Vorstand den oft kleinteiligen Aufgaben des genossenschaftlichen Alltags widmet. Das Wohl der Mitglieder, die Menschenfreundlichkeit der Strukturen, notwendige Entwicklungen auf längere Sicht - darum sollte sich der Aufsichtsrat kümmern. Ende April wird es wieder eine Gremien-Wahl geben, und mit jeder Person, die neu dazukommt, ändert sich auch ein bisschen die Art, die Kultur und wie man kommuniziert.

Was werdet ihr wählen?
Thomas: Wir wählen Vorstand und Aufsichtsrat.

Wirst du kandidieren?
Thomas: Ich stehe nicht zur Wahl, denn von den 3 Jahren, die man in den Aufsichtsrat gewählt wird, habe ich erst 2 Jahre hinter mir. Eine andere Person, deren Amtszeit jetzt abläuft, wird diesmal ersetzt.

Machst du das gerne?
Thomas: Das wechselt. Ich finde es wichtig, und ich mache es auch gerne, aber ich habe andere Vorstellungen davon, wie die Kommunikation und die Zusammenarbeit laufen kann.

Kathleen, hast du hier in der Struktur von Amaryllis auch eine Funktion?
Kathleen: Ich war von 2012 bis 2014 Aufsichtsrätin, habe mich dann nicht wieder zur Wahl gestellt, um ab 2015 die Projektkoordination für unser mögliches Erweiterungsvorhaben AmaryllisPLuS zu übernehmen. Jetzt bin ich noch in einer AG. Wir haben ja eine ziemlich ausgefeilte Arbeitsgruppenstruktur. Ich bin von Anfang an in der AG Öffentlichkeitsarbeit und mache im Garten mit. Ansonsten kümmere ich mich ohne Funktion immer wieder um die Fragen: Wie geht es mit der Gemeinschaft weiter? In welcher Phase unseres Projekts befinden wir uns gerade als Menschengruppe? Wie viel Energie ist gerade da - sind wir gerade in einer tatkräftigen Phase, oder eher in einer reflektierenden? In einer müden oder einer munteren Phase? Es geht darum, darauf zu achten und gemeinsam mit anderen entsprechende Initiativen zu ergreifen, um entweder die Energie zu erhöhen, oder vorhandene Power auch für neue Projekte zu nutzen. Damit beschäftige ich mich durchgehend.

Das finde ich spannend. Diese Energieschwankungen in Projektgruppen im freiwilligen Engagement sind ja etwas ganz Wesentliches. Wie nennst du das, was du machst?
Kathleen: Ich würde mich als „auftraglose Feinstofflichkeitsbeauftragte“ bezeichnen. Ich betreibe so etwas wie „Energiemanagement der feinstofflichen Art“.
2011 habe ich mit zwei anderen eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen - die erste, die nach der ganzen Gründungs- und Bauphase neu entstanden ist -, um uns um diese Themen zu kümmern. Wir haben sie „GemeinschaftsZeit“ genannt. Diese AG kümmert sich jetzt vor allem um Feste, Begrüßung neuer Mitglieder oder Verabschiedung von Gremien-Leuten aus dem Amt. Ich bin schon seit einer guten Weile nicht mehr Mitglied, weil mir zum einen die wirkliche Gemeinschaftsbildung am Herzen liegt, die ja nunmal auch Arbeit ist, und damit ist den meisten hier bei Amaryllis nicht so wohl. Und auch das tiefere Diskutieren von Themen, die uns selbst, aber auch die Welt betreffen, hatte ich dort als Schwerpunkt, und auch das finden viele meiner Mitwohnenden oft eher zu anstrengend. Da ich für „Gemeinschaft light“ nicht so zu haben bin, andererseits aber auch niemanden zu etwas nötigen will, habe ich Platz gemacht und kümmere mich nun eben „freischwebend“ um das, was mir wichtig ist.
Ich stelle auch immer wieder fest, wenn der Begriff Gemeinschaft ins Spiel kommt, meinen die meisten, es ginge darum, zusammen ein Bier trinken zu gehen oder zusammen zu wandern oder sonstige Freizeitaktivitäten miteinander zu unternehmen.

Ihr beiden habt ja das Unternehmen ZukunftsPioniere GbR gegründet. Beschreibt ihr bitte mal, was ihr macht?
Thomas: Kathleen und ich kennen uns mittlerweile über 25 Jahre und kommen aus geisteswissenschaftlichen Richtungen und Traditionen, mit viel Erfahrung in der Zivilgesellschaft und mit Bewusstseinsarbeit. 2009 kristallisierte sich der Kern unseres gemeinsamen Potentials deutlich heraus, und es wurde klar: Wir gründen jetzt ein Unternehmen, mit dem wir eine inspirierende Laborsituation schaffen, wo Menschen mit Wandel-Absichten oder Organisationen bzw. Teams mit Change-Projekten unter unserer Begleitung herausfinden können, wie für ihre Anliegen die besten Wege sind. Dafür stellen wir Methoden, uns selbst als Prozessbegleiter*innen und unser Fachwissen zur Verfügung. „Labor für Morgen“ nennen wir diesen Schwerpunkt unseres Angebots. Der Gründungsimpuls war also die Lebendigkeit und auch die Energie, die es braucht, einen Rahmen zu schaffen, damit Veränderung, damit Bewusstseinsarbeit geschehen kann. Hier fügte sich zusammen, was wir bis dahin einzeln gemacht hatten: Coaching, Mediation, mein philosophischer Hintergrund, Kathleens Schreibkunst.
Eine der Methoden, für die wir immer wieder angefragt werden, ist das Systemische Konsensieren. Das ist eine spezielle Form, wie eine Gruppe einen Willensbildungsprozess durchschreitet, an dessen Ende ein Konsens, eine tragfähige Entscheidung steht.Vor acht Jahren habe ich es hier bei uns in der Genossenschaft vorgestellt, und wir arbeiten seither immer wieder damit. Es scheint speziell für Wohnprojekte eine gute Form zu sein, eignet sich aber auch für Unternehmen.

Konkret gefragt: macht ihr Workshops, macht ihr Beratungen, geht ihr irgendwohin, ist das ein Business... ?
Thomas: ... klar ist das ein Geschäft; es ist unser Beruf! Wir machen Workshops, konzipieren Seminarreihen und Trainingsprogramme, halten Vorträge, geben Einzel-Beratungen, schreiben und publizieren. Mediation, zum Beispiel, ist ein ganz konkretes Business. Es kommt ein Kunde oder ein Unternehmen in einer Konfliktsituation. Wenn es zu einer Beauftragung kommt, schaue ich mir an, um was es geht, dann schlage ich entsprechende Intervention vor, und dann gibt es einen gemeinsamen Prozess.
Unsere inhaltlichen Schwerpunkte sind seit einiger Zeit Resilienz, und das gilt sowohl für die seelische Robustheit Einzelner als auch für die Zukunftstauglichkeit von Gemeinschaften, auch für würdevolles Altern für Menschen mit belastenden Lebenserfahrungen, ob Kriegskinder/-enkel oder anderen Belastungen, bzw. den Umgang mit transgenerativen Traumata, auch als Gesellschaft. Unsere Motivation und Herangehensweise spiegelt sich in unserem Slogan „Zusammenhänge verstehen - Verbindung schaffen - Sinn stiften.“

 


Es hat sich wohl bewährt, von denen zu lernen, die einen Schritt weiter sind. (Thomas)

 

Macht ihr diese Arbeit zusammen?
Kathleen: Zum Teil ja. Wir haben unsere eigenen Schwerpunkte, aber es macht uns zunehmend Freude und erweist sich auch in gemischten Gruppen als sehr hilfreich, als Paar zu arbeiten. Wir haben bestimmte Qualitäten, Räume zu gestalten und zu halten. Räume im übertragenen Sinne: Settings, Felder, Situationen herzustellen und Vertrauen zu bilden, so dass Menschen darin sich öffnen, eine Transformation durchlaufen, sich bestimmte Fragen stellen und in guter Begleitung auf die Suche nach Antworten für sich gehen können. Es kommen neuerdings zunehmend Vortragsanfragen. Und wir gehen da ran mit der Überlegung: Wie können wir Vorträge bieten, die interaktiv sind, so dass es eine Gemeinschaftsproduktion wird zwischen mir als Vortragender und einem sonst nur passiv zuhörenden Publikum? Es kommen auch vermehrt Anfragen auf der Metaebene: Wie können wir bestimmte Methoden, wie World Café oder das Systemische Konsensieren in Firmen oder in Teams erklären? Es zeigt sich der Bedarf, inhouse Moderator*innen zu schulen, Supervision zu Methoden und Prozessen zu machen.
Wir verstehen uns als Entrepreneure auch selber als Teil des Experiments. Das heißt, wir wollen selber ZukunftsPioniere sein, insofern, als dass wir bestimmte neue Lebensformen ausprobieren und dies zur Ermutigung anderer sichtbar machen. Da sind wir dann wieder beim Wohnprojekt, oder Auto abschaffen, oder anderen Arten von Sharing-Kultur. Wir haben unseren privaten Lebensraum stark reduziert, von 140 auf 53 Quadratmeter, um zu sehen, was brauchen wir dann? Und wie gestalten wir die Berührungsflächen zu anderen Menschen, zu anderen Ressourcen, zu Materie, zu Geld? Wie geht heilsamer Wandel in unserem eigenen Leben? Und darüber sprechen und berichten wir, lassen andere Anteil nehmen. Wir geben unsere Erfahrungen in aufbereiteter und mit Wissen untermauerter Form weiter.

Werdet ihr auch von Gemeinschaftlichen Wohnprojekten angefragt?
Thomas: Ja. In den letzten Jahren verstärkt. Überwiegend aufgrund von schwierigen Situationen in der Entscheidungsfindung, wo Wohnprojekte nach neuen Wegen suchen. Es hat sich wohl bewährt, von denen zu lernen, die einen Schritt weiter sind. Das Systemische Konsensieren finde ich spannend, weil es die Menschen so stark mit sich selber konfrontiert. Du musst einfach aushalten, wenn dir ein anderer mit seiner Position auf den Geist geht. Und du erlebst es, weil du die Situation ja nicht verlässt; jeder bleibt im Raum und kriegt mit, wie die scheinbar so festgefahrenen Positionen sich durch das Offenlegen, durch den Austausch, verändern. Das ist kein Hexenwerk, sondern etwas, was in Präsenz und in gegenseitiger Aufmerksamkeit und manchmal sogar in gegenseitiger Achtsamkeit geschieht, wenn Menschen verstanden haben, was es bedeutet, in eine systemische Haltung einzutreten. Was das ist, das erkläre ich natürlich immer ausführlich. Ich bin mittlerweile davon weggekommen, kurze Einheiten anzubieten. Bei mir muss eine Einführung mindesten zwei Tage dauern, denn den ersten Tag verbringen wir fast ausschließlich damit, über die Grundlagen zu reden. Was heißt eigentlich Vertrauen? Was bedeutet es, systemisch, also in Zusammenhängen und für das Ganze zu denken? Was bedeutet Herzensbildung? Wie arbeitet man mit Emotionen und Affekten? Das läuft natürlich sehr konkret und praktisch, damit die Menschen sofort eine Selbstwirksamkeits-Erfahrung machen und merken, dass sie das gemeinsam können, auch wenn die Grundlagen der Methode noch nicht hundertprozentig beherrscht werden. Am zweiten Tag arbeite ich mit der Gruppe, die vor mir sitzt, das momentan drängendste Problem heraus, das wir dann - wenn eben möglich - vollständig durcharbeiten.

 


Aus meiner Sicht ist Stillstand eines der Todeskriterien für Gemeinschaften. (Kathleen)

 

Auf eurer Website habe ich gelesen, dass du, Kathleen, bei den ZenPeacemakern bist. Was ist das und was hat es mit gemeinschaftlichen Wohnprojekten zu tun, oder was könnte es damit zu tun haben?
Kathleen: Das ist ja zunächst ein Praxis-Weg, den ich gewählt habe, unabhängig von meiner Wohnform. Die ZenPeacemaker sind eine weltweite Bewegung, die sich auf der Basis von Meditation und Achtsamkeit ganz praktisch für soziale Gerechtigkeit, Frieden und gesellschaftlichen Wandel einsetzt. Bekannt geworden sind sie durch ihre Zeugnis-ablegen-Retreats in Konzentrationslagern, Krisengebieten und unter Obdachlosen. Die Bewegung wird oft auch zum engagierten Buddhismus gezählt. Aber noch ein Beispiel zum Zusammenhang mit Wohnprojekten: Im November 2017 war ich zu einem Symposium eingeladen nach Süddeutschland auf Schloss Tempelhof, einem Gemeinschaftlichen Wohnprojekt. Das Symposium hatte das Thema „Spiritualität und Gemeinschaft“. Die Menschen dort stellen sich selber als Gemeinschaft aktuell die Frage, nach einer langen Phase des Materie-Schaffens, des Boden-Beackerns, Landwirtschaft in Gang setzen, Häuser renovieren: Wie ist es eigentlich mit unserem Innenleben und mit unserem Bezug zum Größeren? Mit unserer Zartheit, mit der feinstofflichen Ebene? Wie geht es uns miteinander, wie reden wir miteinander, wie nah fühlen wir uns einander? Was hat das mit der Erde und dem Himmel zu tun? Und da sie sich in diesen spirituellen Fragen auch als politisch aktives, sozial engagiertes Projekt verstehen, schien es gut zu passen, mich als Vertreterin der ZenPeacemaker einzuladen - weil ich selber in einem Wohnprojekt lebe, und weil ich einen sozial engagierten spirituellen Weg gehe. Die ZenPeacemaker ziehen sich eben nicht aus dem nervigen Alltag und aus der Welt zurück, sondern fragen: Wie kommen wir nah an das, was Leben ist, wo die Menschen wirklich ringen, auch Schmerzen verspüren? Wie können wir uns wirklich berühren lassen, und aus dieser tiefen Verbindung mit dem, was ist, aktiv werden und Sinnvolles tun? Das war der Aspekt, zu dem ich in Tempelhof eingeladen worden bin. Auch für diese feine Energiearbeit erhalte ich zunehmend Anfragen.

Mich interessiert, wie lebt es sich mit dieser Fähigkeit, einen Überblick zu haben über energetische Gegebenheiten, was ja auch einen Unterschied zu anderen ausmacht, die diese Fähigkeit nicht haben?
Thomas: Ich kann dazu nur sagen, wer so einen Weg geht, wie wir ihn gehen, muss eine einigermaßen starke Persönlichkeit sein. Man muss in der Lage sein, Isolation auszuhalten und darin immer noch etwas Gutes zu sehen, oder wie ein weiser Mensch einmal sagte: „Ich gebe meine Einsamkeit nicht kampflos auf“. Es ist gut, wenn man eine transformative Praxis hat, um sich quasi immer wieder, so wie Münchhausen, am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Damit habe ich viel Erfahrung, und wir haben auch gemeinsam Erfahrung damit. Man gerät automatisch in schwierige Lebenslagen, und diese sind gleichzeitig der Nährboden dafür, das zu tun, was wir tun. Das ist Teil der Resilienz und auch Teil des Resilienz-Trainings, das wir anbieten. Das heißt, es ist nicht nur ein Tool oder eine Methode, sondern es ist das Mit-Teilen des eigenen Lebens. Und ich wüsste nicht, was authentischer sein sollte als das.
Es ist manchmal schwer zu ertragen, um deine Frage noch präziser zu beantworten, mit dem Gefühl zu leben, dass die Ignoranz des Umfelds zunimmt, während auf der einen Seite zaghaft das Bewusstseinspflänzchen wächst. Und an manchen Tagen weiß ich nicht, ob das noch in der Balance ist.

Wie ist es für dich, Kathleen, wie lebt es sich für dich mit dieser Fähigkeit, Feinstoffliches und Energetisches wahrzunehmen und sozusagen einen Überblick zu haben über gewisse Prozesse?
Kathleen: Du spricht die Metaperspektive an, die Fähigkeit, Zusammenhänge zu sehen und auch unter der Oberfläche Strömungen und Muster zu erkennen. Ich stimme erstmal dem zu, was Thomas gesagt hat, gerade was die herausfordernde Seite angeht. Weil uns das unter Spannung und dadurch lebendig und in Bewegung hält. Aus meiner Sicht ist Stillstand eines der Todeskriterien für Gemeinschaften. Und deswegen ist es für uns elementar, durch unsere Art des Sehens und Betrachtens in Bewegung gehalten zu werden. Ich schreibe auch darüber. Ich bin mit Publikationen beschäftigt, für die dieser Überblick nützlich ist, um schriftlich zu reflektieren und um die Reflexionen wiederum der Gemeinschaftsszene zur Verfügung zu stellen. So habe ich ja auch meine Arbeit im Landesbüro für innovative Wohnformen NRW verstanden. Das heißt, ich bin für diese Stelle angenommen worden, weil ich die Erfahrung mit Amaryllis und als ZukunftsPionierin habe. So lässt sich diese Metaebene zum Wohle vieler aktivieren: Ich kann Informationen zusammenziehen und sie so aufbereiten, dass sie für einzelne Projekte bzw. die ganze Bewegung wieder nutzbar werden. Ich kann mit Vorträgen und auf Podien ermutigen, indem ich sage, es gibt so und so viele Projekte im Land und die und die Fördermöglichkeiten gibt es, diese Probleme und jene Lösungen, all diese Überblicks-Informationen, die in konkreten Situationen für Suchende sehr nützlich sind.

Wie viele Projekte gibt es denn im Land?
In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel haben wir rund 100 Wohnprojekte aufgeführt, und noch einmal etwa 60 im Entstehen befindliche. Und das sind nur die Projekte, von denen wir erfahren - wir gehen von einer hohen positiven „Dunkelziffer“ aus. NRW ist natürlich ein großes Bundesland und ziemlich aktiv in dieser Frage, dennoch kann man von dieser Zahl aus für ganz Deutschland hochrechnen.

 


Viele haben einfach keine Kraft mehr, über das Engagement im eigenen Projekt hinaus die Vernetzung mit anderen voranzubringen. (Kathleen)

 

Mich interessiert noch eine Frage: Was denkt ihr woran es liegt, dass sich die bestehenden Wohnprojekte nicht zusammenschließen? Sie kennen sich, sie reden übereinander, aber ich sehe nicht, dass sie sich zusammentun. Mein Denkansatz ist: Gemeinschaftliche Wohnprojekte sind eine soziale Bewegung, die sich selbst aber noch nicht als Bewegung erkannt hat. Sie könnte durchaus Kraft entwickeln, auch politisch gesehen, aber dazu müssten sich die Aktiven zusammentun.
Thomas: Ich kann dir nur sagen, in meiner Fantasie gibt es das längst, weil ich vom Entrepreneurship her denke. Angefangen habe ich noch nicht damit, weil mir noch nichts dazu eingefallen ist, wie das zu finanzieren wäre. Mir ist auch noch nicht klar, was der wirkliche Mehrwert davon ist. Das ist ein großer Organisationsaufwand, und wir sehen ja, wo wir hier stehen: ein Projekt, in dem wir leben, die Zeit, die da reingeht, Familie, Privatleben und ein Unternehmen zu führen und dann auch noch das zu machen, dafür fehlt mir bisher der starke Grund. Ich sehe die Notwendigkeit vielleicht am Horizont. Aber was wäre das Ziel davon?

Kathleen, wie siehst du es?
Kathleen: Mir fielen bei deiner Frage mehrere Punkte ein. Erstmal stimme ich Thomas zu. Das wäre für mich genau der kritische Punkt: das Ehrenamt, die extreme Selbstausbeutung, die sowieso schon in Wohnprojekten der Fall ist. Da geben wir alle sehr viel Zeit rein, um das Projekt selber zu gestalten. Und dann nochmal den Schritt raus in die Vernetzung, in die regionalen Strukturen, das Bonner Wohnprojekte-Forum, dann auch mal in Köln eine Verbindung herstellen, dann gibt es den Wohnbund, der z.B. die WohnprojekteTage NRW ausruft, dann gibt es das Forum Gemeinschaftliches Wohnen auf Bundesebene, das ein WohnprojektePortal vorhält… es gibt also schon sehr viel. Ich verstehe trotzdem, was du meinst was fehlt. Aber da ist tatsächlich die Frage auch aus meiner Sicht: was wäre der große Gewinn für jeden Einzelnen dabei? Ich bin schon einige Jahre in der bundesweiten Arbeitsgruppe Junge Wohngenossenschaften des Wohnbundes. Wir treffen uns zwei Mal im Jahr für vier Stunden, also acht Stunden im Jahr. Es ist wenig - aber dadurch, dass dort eine intensive Arbeitsatmosphäre herrscht und man sich kennt, werden dort Informationen ausgetauscht, die sehr nützlich sind. Und wir sind auch zwischen diesen Treffen füreinander ansprechbar mit konkreten Fragen. Das hat also einen echten Nutzen.

Wie viele seid Ihr in dieser Arbeitsgruppe der Jungen Genossenschaften?
Kathleen: Da sind rund 20 Projekte organisiert, und bei den Treffen sind meist zwischen 10 und 15 Leute.
Warum also tun sich die Projekte nicht zusammen? Es gibt dort auch so etwas wie einen Markt, wo größere Organisationen daran interessiert sind, einzelne Projekte an sich zu binden, ihnen Veranstaltungen anzubieten, Publikationen… Es gibt also durchaus bereits ein Ringen um Aufmerksamkeit und „Markt-Anteile“. Ein zweiter Aspekt ist das eben schon besprochene Thema der Selbstausbeutung; viele haben einfach keine Kraft mehr, über das Engagement im eigenen Projekt hinaus die Vernetzung mit anderen voranzubringen. Und das dritte, was ich dazu erwähnen möchte als Grund, warum sich Wohnprojekte nicht so leicht zusammentun, ist die Kulturdifferenz, die aus meiner Sicht mitten durch die Szene geht: Es gibt die intentionalen Gemeinschaften, die sich oft in Ökodörfern, in spirituellen Gemeinschaften formieren, und es gibt - ich habe noch keinen besseren Begriff dafür gefunden- die bürgerlichen Nachbarschaftsprojekte, wie Amaryllis eines ist. Aus einem bürgerlichen Sicherheitsimpuls heraus, aber auch natürlich mit einer mehr oder weniger diffusen Sehnsucht nach Nähe und Gemeinschaftlichkeit gegründete Wohnprojekte. Aber das sind wirklich unterschiedliche Kulturen. Das sind ganz andere Leute, die kann ich mir überhaupt nicht in derselben Organisationsform vorstellen. Die Ökodörfer und intentionalen Gemeinschaften organisieren sich schon, zum Beispiel im Global Ecovillages Network. Das kenne ich seit Jahrzehnten, die sind ja auch schon viel älter, mit Findhorn in Schottland als Mutterprojekt. Was von da ausging, ist gut organisiert, und bei uns „Bürgerlichen“, da läuft es halt ein bisschen anders... da gibt es halt immerhin diese Wohnprojektetage...

Thomas: Wenn wir versuchen, uns hier mit intentionalen Gemeinschaften wie Schloss Tempelhof zu vergleichen, da sage ich, da ist eine ganz andere Kulturpraxis, die da gemacht wird. Viel mehr Dialog, viel mehr Wir, viel mehr Schattenarbeit, zum Beispiel, das findet hier ja gar nicht statt. Gemeinsame Wirtschaft, gemeinsame Ökonomie... davon können wir hier nur träumen.
Aber unsere Arbeit als ZukunftsPioniere, mit einem neuen Schwerpunkt auf Resilienz von Gemeinschaften, zeigt uns und anderen, wohin es in Zukunft gehen kann.

Ich danke euch ganz herzlich für das Gespräch.

ZukunftsPioniere GbR

Amaryllis eG in Bonn

 


   
 
   

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