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Myoshin Zeitler, Burg-Disternich eG, in Vettweiß

Zum Interview trafen wir uns am 14. Juni 2018 auf Burg Disternich in Vettweiß.

 

 
   
 
Myoshin Zeitler

Ich war natürlich im Internet auf eurer Website und habe unter anderem gelesen, dass ihr eine Genossenschaft gegründet habt.
Ja genau.

Ich habe auch über spirituelle Angebote gelesen. Ist das hier auch ein spirituelles Zentrum?
Die Genossenschaft ist die rechtliche Form. Die Inhalte, das ist unsere Vision. Und die beruht auf fünf Säulen, die wir letzten Herbst in der Gruppe zusammen erarbeitet haben. Spiritualität ist eine dieser Säulen.

Würdest du die fünf Säulen bitte mal nennen?
Ja. Das ist Ökologie, Soziales, Kultur, Spiritualität und Gemeinsame Ökonomie. Was die Ökologie angeht: Wir wollen mit Dingen nachhaltig umgehen und beim Essen auf biologische Herkunft achten und auch versuchen, uns zum Teil selbst zu versorgen, mit einem Permakulturgarten, womit wir auch schon angefangen haben. Wir haben auch Tierhaltung, auf einer wilden Weide. Das ist so ein Fachbegriff. Darin bin ich aber nicht Expertin, das macht eine unserer Bewohnerinnen.
Die andere Säule, das Soziale, da gehört dazu, dass wir hier generationenübergreifend wohnen wollen. Dass wir Menschen, die Kinder haben, insofern zu unterstützen suchen, als dass wir für Kinder kein Geld nehmen.

Kinder bis zu wieviel Jahren?
Bis zu 12 Jahren voll, das ist im Moment unsere Vereinbarung. Wir können die auch jederzeit gemeinsam wieder verändern. Und dass die Eltern für Kinder bis 18 Jahre keine Miete bezahlen müssen. Zur Säule Soziales gehört auch, dass wir unser Zusammenleben nach einer bestimmten Methode organisieren wollen, nämlich mithilfe der Soziokratie. Da hat sich vor nicht allzu langer Zeit in Deutschland das Zentrum für Soziokratie gegründet. In Holland ist das schon viel mehr verbreitet, und dort, wo ich die letzten zehn Jahre gewohnt habe, wurde die Soziokratie auch praktiziert. Ich bin schon lange unterwegs mit Organisationsformen in verschiedenen Organisationen, und die Soziokratie scheint mir wirklich das Beste zu sein, was momentan zu finden ist. Ich bin damit so gut gefahren und habe das so positiv erlebt, und deswegen haben wir uns diese Form ausgewählt.

 


Wir kochen zusammen, wir kaufen zusammen ein, wir teilen ganz viel miteinander.

 

Ich bin ganz neugierig zu erfahren, wie viele ihr hier seid und seit wann ihr hier wohnt?
Wir wohnen seit zwei, drei Monaten hier. Wir haben Ende Dezember 2017 gekauft, und die ersten sind Ende Februar 2018 eingezogen. Ich bin Ende März eingezogen. Vor drei Wochen ist das letzte Paar eingezogen, und es kommen noch welche. Wir sind derzeit sieben Erwachsene, zwei Teenager und zwei Kinder. Und dann gibt es so ein paar, die im Orbit kreisen. Wenn Menschen ihren Wohnort verlegen, müssen sie auch oft den Arbeitsplatz verlegen, und das geht manchmal nicht so schnell. Wir streben an, dass wir in diesem Jahr zwölf Erwachsene werden. Und dann haben wir noch die Möglichkeit für weitere Menschen. Wie es jetzt ist, könnten wir auf den vorhandenen Quadratmetern mit 20 bis 25 Menschen wohnen.

Wollen wir weiter über die Säulen eurer Vision sprechen? Was meint ihr mit Kultur?
Damit meinen wir unter anderem, wie wir eingebettet sind in den Umkreis. Was die Kontakte zu den Menschen im Umkreis anlangt, ist das bisher mehr per Zufall geschehen. Wir haben hier zu den nächsten Nachbarn Kontakt, auch weil wir sie um Hilfe gefragt haben und Auskunft brauchten. Sie sind uns sehr entgegengekommen, und das ist wirklich wunderbar. Wir haben auch Kontakt mit anderen Menschen, die in alternativen Wohnformen leben. Etwas weiter entfernt liegt die Gemeinschaft Thalhof, das ist in Niederelvenich. Die wohnen zwar in einzelnen Häusern, fühlen sich aber als Gruppe, mit denen haben wir schon etwas länger Kontakt. Dann hat sich eine Gruppe gemeldet, die auch alternativ wohnt, in Nemmenich. Die waren mal zu Besuch hier, weil sie gedacht haben: wir wollen doch mal gucken wer das ist, wenn die so ähnlich leben wie wir. Und dann haben sie uns einfach angeschrieben. Jetzt machen wir auch Kennenlern-Wochenenden, und vor drei Wochen habe ich angefangen, regelmäßig einen Meditationsabend anzubieten. Da kommen auch Leute aus dem Umkreis von zehn, fünfzehn Kilometern. So baut sich das langsam auf.

Die Meditationsangebote würdest du unter der Säule Spiritualität einordnen.
Ja, sicher. Zur Kultur noch etwas. Wir haben auch angefangen, zusammen mit den Leuten vom Thalhof zu singen, im Chor, und das war ein ganz wunderbares Ereignis, was wir fortführen wollen. Das ist auch offen für Menschen, die dazukommen wollen. Eine unserer Bewohnerinnen ist Kulturhistorikerin, und auf lange Sicht hat sie vor, etwas tiefer einzutauchen in das, was hier an diesem Ort alles geschehen ist. Einer unserer Bewohner ist, unter anderem, Pianist, also da werden wir sehen, was alles noch möglich ist, wenn wir die Aufbauphase hinter uns haben. Jedenfalls stellen wir uns da viele Sachen vor, zum Beispiel Hausmusik für Leute aus der Umgebung, und so weiter.

Räume habt ihr ja genug.
Ja, vor allem Gemeinschaftsräume. Vielleicht gehört das auch noch zu Soziales, denn wir haben ja weit mehr Gemeinschaftsräume als Privaträume. Das ist völlig anders als normalerweise in Wohnprojekten. Das hat auch damit zu tun, dass wir nicht in abgeschlossenen Wohnungen leben, sondern dass wir uns als Großfamilie organisieren. Wir kochen zusammen, wir kaufen zusammen ein, wir teilen ganz viel miteinander.

 


Die privaten Konten sind transparent.

 

Das wäre jetzt die Säule der Gemeinsamen Ökonomie?
Das wäre jetzt der Bogen dazu. Es gibt bei der Gemeinsamen Ökonomie zwei Modelle. Das eine ist die vollständige gemeinsame Ökonomie, dazu gehört dann auch das Vermögen. Und das andere ist die Einkommensökonomie, oder es wird auch Alltagsökonomie genannt. Da wird praktisch das, was laufend an Einnahmen reinkommt, egal aus welchen Quellen, zusammen verwaltet.

Also alles, was reinkommt, geht auf ein Konto?
Letztendlich ja. Das ist manchmal etwas virtuell, denn wenn ich eine Krankenversicherung bezahlen muss, dann werde ich das Geld nicht erst auf das gemeinsame Konto und von dort wieder zurück überweisen, sondern sofort von meinem Konto aus an die Versicherung überweisen. Aber die privaten Konten sind transparent, die werden offengelegt und von daher sind die Ströme einsehbar.

Ich nehme an, dass die Zustimmung zu dieser Form der gemeinschaftlichen Ökonomie eine Voraussetzung ist für Leute, die hier mit euch zusammen wohnen wollen, oder?
Ja, wobei wir das nicht von Anfang an verlangen. Wir haben hier auch für Menschen, die mit uns wohnen wollen, ein Probejahr. Im Probejahr läuft das mit getrennter Kasse, und dann können die Menschen auch erstmal ihre Erfahrungen damit machen und herausfinden, ob das was für sie ist, oder nicht. Denn wir haben schon gemerkt, dass bei vielen Ängste hochkommen. Niemand denkt, dass er selbst mehr rausnimmt als er reintut, aber viele haben Angst, dass sie sich nicht trauen, etwas rauszunehmen.

Hat denn jeder Vollmacht über das gemeinsame Konto, kann da jeder ran?
Wir haben schon Regeln. Bis zu einem gewissen Betrag ist es frei, wenn es dann aber so über tausend Euro geht, dann muss man es vorher ankündigen oder besprechen. Das hat auch damit zu tun, wie viel in der Kasse drin ist. Da gibt es sozusagen einen Wächter, und der meldet dann: Vorsicht! Jetzt müssen wir ein bisschen kürzer treten. Oder: Jetzt wird alles, was nicht unbedingt nötig ist, gestoppt. Aber es sind ja erwachsene Menschen, die bis jetzt ihren Lebensunterhalt gut selbst hingekriegt haben und denen auch etwas übrig geblieben ist. Und wenn jeder sich auch nur einigermaßen so verhält wie vorher, dann denke ich, dass wir da auch gar keine Sorgen haben brauchen.

Ich finde, das ist das Radikalste, was man gemeinschaftlich anstreben kann. Habt ihr Beispiele, an denen ihr euch orientiert?
Ja, es gibt Gemeinschaften in Deutschland, die das schon lange machen. Zum Beispiel die Kommune in Niederkaufungen. Die machen das seit über 30 Jahren. Ich habe früher auch schon mal in einem Zentrum gelebt, es auch geleitet, in den 80er, 90er Jahren, und da haben wir das auch mal eine kurze Zeit gemacht. Dann gab es aber eine Phase starker Fluktuation, wir hörten damit auf und haben es nicht mehr wieder aufgenommen. Persönlich habe ich dadurch auch mal anderthalb Jahre Erfahrung damit sammeln können. Und damals, zu unserer großen Überraschung, war in dem Topf immer viel drin. Ich habe also damit nur positive Erfahrung gemacht.

Ein spannendes Thema finde ich. Ich habe auch Erfahrung mit einem gemeinsamen Konto, das war als ich jung war und in einer WG gelebt habe. Wir haben uns jedenfalls nie um Geld gestritten, eher darum, wer das Badezimmer sauber macht. Ich glaube ja, dass die Angst, was die gemeinsame Ökonomie angeht, eher in der Vorstellung sitzt als im Realen.
Absolut. Ja.

 


Die Lage ist perfekt, die Aufteilung ist perfekt und es ist groß genug. Das gucken wir an.

 

Ich würde jetzt gerne mal ganz an den Anfang gehen und dich fragen: Wo kommt die Idee her? Wie hat das alles angefangen?
Ich habe die letzten zehn Jahre in einem Zen-Zentrum in den Niederlanden gewohnt. Meine Tochter war hier in Erftstadt verheiratet, sie haben sich getrennt und meine Tochter merkte, dass sie eigentlich nicht mit ihrer Tochter alleine und auch nicht mehr in Partnerschaft alleine leben will, sondern dass sie in einer Gemeinschaft leben will. Sie ist natürlich in einer Gemeinschaft groß geworden. Wir haben ja früher in einem Zentrum zusammen gelebt, meine beiden Töchter und ich. Und dann hat meine Tochter sich vorgenommen, zusammen mit ihrer kleinen Tochter eine Reise durch Deutschland zu machen, um Gemeinschaften zu besuchen und zu sehen, ob da vielleicht eine dabei ist, wo sie hin will oder zumindest zu sehen, wie die das machen. Sie hat sich einige ausgesucht, ist in den Kindergarten gegangen und hat gesagt, dass ihre Tochter bis zum Sommer nicht kommen würde, weil sie diese Reise machen. Im Gespräch mit den Kindergärtnerinnen haben die gesagt, sie wüssten, dass in einem Dorf, nicht weit entfernt ein Vierkanthof frei wäre und zum Verkauf stünde. Meine Tochter hat dann gegoogelt und mir den Link zu dem Hof geschickt. Ich war in den Niederlanden am Schreibtisch, habe geguckt und nur ganz kurz geantwortet: Mitten im Dorf, viel zu klein, das ist nicht, was du suchst. Zehn Minuten später kommt wieder ein Link. Ich gucke mir die Seite an und schreibe: Die Lage ist perfekt, die Aufteilung ist perfekt und es ist groß genug. Das gucken wir an. Das war die Burg Disternich.

Das heißt, deine Tochter hatte vorher noch gar nicht nach Objekten in ihrer Nähe geschaut, die zum Kauf angeboten wurden?
Nein, sie wollte ja erstmal diese Reise machen und schauen, was es so gibt in Deutschland. Ja und dann hat sie die angegebene Telefonnummer angerufen, und als sie gerade anfangen wollte zu sprechen, da wollte meine kleine Enkeltochter unbedingt telefonieren, da war sie drei, und es gab ein Mordsgezeter. Meine Tochter hat gedacht: Wenn der jetzt keine kleinen Kinder mag, dann ist es jetzt schon vorbei. Aber er war ganz freundlich.

Das war der Eigentümer am Telefon...
... das war der Vater der Eigentümerin. Seine Tochter lebt in Amerika, und deshalb ist er unser Ansprechpartner gewesen und ist es immer noch. Dieser Mann hat jedenfalls 15 eigene und adoptierte Kinder, der ist also mit Kindern vertraut und insofern hatten wir da gleich am Anfang Glück. Wir haben dann einen Termin ausgemacht und haben uns dann hier getroffen.

Wann war das?
Das war am 11. Juni 2017. Genau vor einem Jahr. Seine Tochter, die eigentliche Eigentümerin, war damals auch dabei, und das war schon erstaunlich, denn sie ist fast im gleichen Alter wie meine Tochter, beide sind Tierärztinnen, beide haben ein Kind im gleichen Alter und beide waren am Anfang von so einem Projekt. Sie in Amerika und wir hier.

 


Und plötzlich kommen von rechts Dammhirsche aus den Büschen.

 

Was für eine Synchronisation der Ereignisse! Wie alt ist deine Tochter?
Sechsunddreißig. Ja, wir haben uns dann lange unterhalten und immer besser verstanden, und zum Schluss haben wir gefragt, nach vielleicht zwei Stunden Gespräch, ob wir nochmal rundgehen dürfen. "Ja, selbstverständlich." Wir sind also hier nochmal ganz langsam rund gegangen und so nach ungefähr der halben Strecke sage ich zu meiner Tochter: "Hey, hast du nicht auch das Gefühl, dass es das ist?" Da sagt sie: "Ja, genau. Das ist es wirklich." Und dann habe ich gesagt: "Okay, also wenn wir ihn jetzt zufällig nochmal treffen, dann können wir es ihm auch gleich sagen." Wir gingen weiter und plötzlich kommen von rechts Dammhirsche aus den Büschen, die sind hier einfach vor uns über den Weg gelaufen. Später haben wir gehört, dass sie wild hier leben, aber da sie hier groß geworden sind, sind die öfter mal hier auf dem Grundstück ...

... das heißt, das Grundstück ist nicht vollständig umzäunt?
Doch, die können aber hoch springen und sie machen sich auch Löcher in Zäune. Eine Öffnung ist jedenfalls da. Uns stören die Dammhirsche nicht, im Gegenteil, sie sind wunderschön, eine kleine Herde von fünf mit zwei weißen dabei, und sie kamen da rüber und wir natürlich: HUAHHH, OHHH... und im gleichen Moment kam auch Herr Hillebrand vom Parkplatz: "Hier guckt mal!" und zeigt auf die Tiere. Und so kamen wir wieder aufeinander zu, und wir haben es ihm auch gesagt, und er war richtig erfreut. Er hat meine beiden Hände genommen und gesagt, ja... er findet das nur schön, wenn wir das hier hinkriegen, weil er es so gut findet, was wir vorhaben, eine Lebensgemeinschaft, in der Kinder und ältere Menschen zusammen leben. Ich denke, dass das sein Herz berührt hat.

Stand die Burg lange leer?
Bestimmt fünf Jahre. Das war hier lange, bis Anfang 2000, das Tagungshaus einer großen deutschen Industriefirma. Die haben hier auch viel Geld reingesteckt. Ich weiß nicht, wie lange die hier waren, aber irgendwann wurde diese Firma aufgekauft und die Schulungen wurden in Deutschland gestoppt. Dann ist die Burg verpachtet worden, und ich weiß jetzt nicht, ob ein oder zwei Pächter hier drauf waren. Jedenfalls war das nicht zufriedenstellend für die Eigentümerin. Und dann stand es leer.

Jetzt sind natürlich Zahlen interessant. Hast du die Zahlen im Kopf, wie groß das Grundstück und wie groß die Wohnfläche ist?
Also wir haben neun Hektar gekauft. Insgesamt ist das Grundstück zehn Hektar groß, ein Hektar wurde rausgeschnitten, aber wir bewirtschaften den noch mit, solange bis er eine andere Verwendung hat. Die Wohnfläche, das müssten ungefähr 12 bis 15 hundert Quadratmeter sein. Und es ist ungefähr so, dass ein Drittel privat genutzt wird und zwei Drittel Gemeinschaftsfläche ist. Das war ja mal ein Hotelbetrieb, mehr oder weniger, deshalb gibt es viele kleine Räume und viele Badezimmer, und wir legen zwei, manchmal auch drei kleine Räume zusammen, um einen Privatraum zu schaffen. Dann müssen natürlich Duschen weg...

... aber jeder Bewohner, jede Bewohnerin hat ihr eigenes Bad, oder?
Ja. Es war auch schonmal eine Frau da, die gemeint hat, ihr wären zwei kleine Zimmer lieber als ein großes, das ist dann natürlich auch möglich, das ist kein Problem.

 


Wir haben mehrere Berater gehabt. Wir wissen, dass wir gut fahren, wenn wir Beratung holen.

 

Jetzt natürlich die Frage: was hat es gekostet, und wo habt ihr das Geld her?
Es hat uns im Endeffekt 1,4 Millionen plus Kaufnebenkosten gekostet. Herr Hillebrand ist uns sehr entgegen gekommen. Ursprünglich dachten wir auch, nach dem Beratungsgespräch mit der Bank, dass es besser wäre, grad am Anfang einen größeren Kredit zu nehmen, wo die Umbauarbeiten schon mit drin sind, als später nochmal zu kommen und zu sagen: jetzt wollen wir aber das und das noch verändern. Dann aber hat die Bank gesagt: Ja, das ist ja jetzt nicht so ein normales Wohnprojekt, wo jeder seine Wohnung kauft, sondern das ist ein Spezialobjekt, und da müssen wir einen höheren Eigenanteil verlangen. Und daran wäre es fast gescheitert, das war kurz vorm Kaufvertragsabschluss. Letztendlich haben wir uns entschieden, dass wir praktisch ins Blaue hinein hierherziehen und alles, was funktioniert, übernehmen und dann viel mit Eigenarbeit machen.

Wer ist jetzt dieses "Wir", wer hat diese Entscheidung getroffen?
Das sind die Gründer. Das ist die Gruppe, die sich letztes Jahr gefunden hat, die Genossenschaft gegründet hat und die Burg Disternich gekauft hat. Also die Genossenschaft hat gekauft und ist Eigentümer, und die, die hier wohnen, sind die Genossenschaftsmitglieder.

Die Satzung der Genossenschaft steht ja im Internet. Ich habe sie gelesen. Wie habt ihr sie gemacht, habt ihr euch beraten lassen?
Wir haben mehrere Berater gehabt. Wir haben uns bei den großen Lebensgemeinschaften in Deutschland, die ja fast alle genossenschaftlich organisiert sind, kundig gemacht und viel Unterstützung bekommen, von der Lebensgemeinschaft Nature Comunity, vom Ökodorf Sieben Linden, von der Kommune Niederkaufungen, vom Schloss Tempelhof. Das sind Gemeinschaften mit zwischen 30 und 150 Menschen. Dann haben wir vom Genossenschaftsverband NRW einen Berater gehabt, und auch vom Wohnbund NRW, und das war wirklich toll. Wir sind mit diesem Berater, Herrn Hücking, immer noch in Kontakt, er ist wirklich empfehlenswert. Dann hatten wir auch noch einen Energieberater, und im Vorfeld noch eine Architektin. Jetzt haben wir selbst einen Bewohner, der Architekt ist. Wir haben uns viel Beratung geholt. Wir haben auch für Soziokratie eine Expertin aus Holland, die bereits zweimal hier war. Mit der Beraterin aus der Gemeinschaft Sieben Linden haben wir im Abstand von mehreren Monaten einen Workshop machen, was den Gruppenprozess anlangt. Wir wissen, dass wir gut fahren, wenn wir Beratung holen.

Wer betreibt eure Internetseite, habt ihr da jemanden in der Gruppe, der das macht?
Ja, mal gucken, ob er das vom Arbeitsaufwand her schafft, denn er hat einen interessanten umfangreichen Job. Wenn es nicht geht, müssen wir jemand anderes finden. Aber wir werden ja mehr, und dann hoffen wir, dass jemand dabei sein wird, der es übernehmen kann.

In dem Zeitraum zwischen der Entscheidung, dieses Anwesen zu kaufen und dem Kaufabschluss habt ihr ja die Genossenschaft gegründet. Ich finde, dass dies ein sehr kurzer Zeitraum ist. Wie habt ihr das hingekriegt? Wie ging das?
Mein Tochter hatte das Jahr davor ein Seminar gemacht, Vision Quest, das von einem deutschen Ehepaar angeboten wurde und in Findhorn stattgefunden hat. Sie hat dann diese Menschen angeschrieben. Und ich lebe ja schon lange in solchen Zusammenhängen und habe die Menschen, die ich kenne und die in meinem Verteiler sind, angeschrieben, und wir haben erzählt und informiert über die Burg. Ich weiß gar nicht, ob ich zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass ich da selbst so voll einsteigen will...

... was war denn deine Motivation?...
... jetzt muss ich mal einen kleine Schlenker machen... ich hatte ja auf die Links, die meine Tochter mir geschickt hatte, geschrieben, dass es eine perfekte Aufteilung ist. Das hat damit zu tun, dass ich ja schon ungefähr zwei Jahre lang gefühlt habe, ich möchte nicht bis zum Ende meines Lebens in den Niederlanden bleiben. Und zum anderen: wir haben hier in Deutschland auch eine Sangha, das ist die Gemeinschaft der Menschen, die zu der spirituellen Tradition gehören, in der ich Lehrerin bin, und ich hatte mit meiner Lehrerin in den Niederlanden besprochen, dass ich diese Sangha betreue und unterstütze. In dem Zusammenhang war für mich klar: ich möchte ein Haus, einen Ort haben, der Anlaufpunkt sein kann. Für viele Menschen hier in Deutschland, die zu unserer Gruppierung gehören, ist natürlich der Weg in unser holländisches Zentrum weit. Die drei Gebäudekomplexe hier auf dem Gelände brachten mich auf die Idee, dass eins der Gebäude ein spirituelles Haus werden kann, ein Zen-Haus. Mit einem Meditationsraum und Menschen, die Spiritualität im Fokus ihres Lebens haben, ob sie nun jung oder alt sind. Das andere Haus, die Vorburg, ist größer. Das kann mehr für Menschen sein, die kleine Kinder haben, für Jugendliche vielleicht, und für Menschen, die einen anderen Lebensstil haben und weniger das Meditative als Mittelpunkt ihres Lebens haben. Es bot sich hier einfach an.

 


Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die richtigen Leute schon kommen.

 

Und diese Aufteilung habt ihr jetzt hier?
Also noch nicht. Weil wir dann entschieden haben, nach der Geschichte mit der Bank und der Tatsache, dass wir nicht genügend Mittel haben, um alles gleich zu Anfang zu renovieren, dass wir erstmal ein Haus renovieren. Und darin wohnen wir jetzt alle. Es ist mittlerweile soweit fertig, dass wir da alle angenehm leben können, und jetzt wird das zweite Haus renoviert, das für die Familien vorgesehen ist. Also im Moment wohnen die zwei Teenager mit Eltern und die Familien mit den beiden kleinen Kindern alle zusammen in diesem Haus, das das Zen-Haus werden soll. Wir haben schon die Pläne für die Renovierung der Vorburg, aber das muss jetzt noch seinen Gang gehen, auch behördlich. Die ganze untere Etage ist ja Gemeinschaftsfläche mit einer industriellen Küche dabei, und da wird sich auch das Gemeinschaftsleben entfalten können.

Und dein Zen-Haus?
Das wird dann die Burg.

Und alles zusammen ist die Genossenschaft?
Ja, alles zusammen.

Wie macht ihr das? Da kommen ja ganz unterschiedliche Interessen zusammen...
... ich habe in meinem Leben zwei Kinder groß gezogen und habe gemerkt, was es für Reibungsflächen gibt zwischen dem spirituellen Weg und dem Leben mit Kindern. Da ist für mich klar: an einem Ort, wo beides stattfindet, wo ich, wenn ich eine halbe oder eine Stunde Zeit habe am Tag, zur Meditation gehen kann, entweder weil das Kind schläft oder im Kindergarten ist oder weil andere aufpassen, dann brauche ich nicht zu fahren, also ich kann das in Anspruch nehmen, aber ich muss es nicht aufrecht erhalten. Das machen dann andere, ich kann mich nur dazusetzen.

Mir scheint, dass für dich und deine Biografie mit diesem Konzept hier etwas rund wird.
Total. Ja.

Bist du glücklich?
Ich könnte mir jetzt keinen Ort vorstellen, an dem ich lieber wäre.

Ich würde gerne nochmal zurückkommen auf die Phase zwischen der Entscheidung von dir und deiner Tochter für dieses Objekt, der Gründung der Genossenschaft und dem Kaufabschluss.
Es ging ja darum, Menschen zu finden, die auch so leben wollten, und das eben durch Ansprechen von Freunden. Wir haben nirgendwo annonciert und es nicht öffentlich gemacht.

Warum nicht?
Ich habe die Erfahrung gemacht, auch mit meinem ersten Zentrum, dass die richtigen Leute schon kommen. Es gibt da irgendwie Kanäle, wenn dir etwas begegnen soll, dann zeigt es sich, in irgendeiner Form. Und darauf vertraue ich. Wenn ich gefragt werde oder wenn ich mit Freunden spreche, dann gebe ich es weiter. Und so hat es meine Tochter auch gemacht. Nur im Waldorfkindergarten und im Demeterhof Bollheim haben wir einen kleinen Aushang gemacht. Mittlerweile haben sich schon ganz viele Menschen für unser Projekt interessiert. Und ganz viele haben auch wieder Abstand genommen. Nicht weil sie es nicht gut finden, sondern weil sie den Schritt im Moment, oder überhaupt nicht, gehen wollen. Das ist für mich nichts Neues, dass das so geht. Aber so haben sich die Menschen gefunden, die jetzt dabei sind, zum Teil auch auf ganz kuriose Weise, was mich auch bestärkt hat.
Zum Beispiel zwei von uns, die waren in einer anderen Gruppe und auch gerade auf dem Weg. Sie hatten etwas südlich von hier ein Objekt gefunden und haben sich auch um einen Coach in Sieben Linden bemüht. Deren Anfrage und unsere sind dort bei derselben Frau gelandet, und als meine Tochter dort angerufen hat, um einen Termin auszumachen, da hörte sie: "Ja, aber da hat doch aus eurer Gruppe schon jemand angerufen." So wurde deutlich, dass wir zwei verschiedene Gruppen sind. Beide mit fünf Leuten unterwegs und beide hier westlich von Köln. Als wir hörten, dass da noch fünf Leute sowas gründen wollen, haben wir Kontakt aufgenommen. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch und dachten: eigentlich sollten wir es zusammen machen. Aber es war nicht klar, wo. Sollten wir es bei denen auf dem Schloss machen, oder hier auf der Burg?

Was ist das für ein Schloss?
Schloss Vettelhoven. Die Gruppe war auch in der Kaufphase. Aber für meine Tochter und mich war dann schnell klar, dass es nicht im Schloss sein kann, obwohl... mich hat es schon gereizt, denn da war alles fertig, und ich brauche für meine Vision nicht so viel Land, aber meine Tochter braucht Grund für die wilde Weide mit den Tieren. Trotzdem war es für mich schnell klar, dass meine Vision dort nicht in Erfüllung gehen kann, denn das Zen-Haus ließe sich dort nicht machen. Das Schloss ist zwar ein Riesengebäude, aber dann wäre alles in einem Haus, und das funktioniert nicht. Ziemlich schnell hat sich bei der anderen Gruppe so viel verändert, dass zwei von ihnen, ein Ehepaar, dann doch hier bei uns eingestiegen sind und in der Gründungsgruppe mit drin sind.

 


Wir haben gemerkt, dass es am sinnvollsten ist, wenn wir abends um sechs zusammen essen.

 

Du hast eben über die unterschiedlichen Kompetenzen, die in eurer Gruppe zusammenkommen, gesprochen. Da möchte ich nochmal drauf zurückkommen. Ich hatte den Eindruck, dass du oder ihr Wert darauf legt, dass die unterschiedlichen Fähigkeiten der Einzelnen ausgelebt und auch genutzt werden können.
Ja. Wir leben ja in einer Zeit, in der viel übers Internet gearbeitet wird, so dass man wohnortmäßig unabhängig ist. Das ist hier jetzt ein Vorteil. Simon Stier, das ist der Architekt, der hier wohnt, hat ganz schnell sein Büro von Köln hierhin verlegen können, das war gar kein Problem. Simon ist Experte für Planung von Passivhäusern und ökologisches Bauen.
Dann haben wir zwei Tagesmütter hier, Sabine und Alba Stier. Sabine hat in Köln seit über 15 Jahren eine U-3-Gruppe, und sie macht diese Gruppe noch bis zu den Ferien. Ab August bieten sie dann zu zweit hier eine Gruppe an. Von der Gemeinde haben wir schon signalisiert bekommen, dass es Bedarf gibt, da werden wir wahrscheinlich gar kein Problem haben.

Du hast da hinten hin gezeigt...
... dahinten sind ja noch mehr Gebäude, da wäre Platz für die Kinder-Gruppe. Und meine Tochter, Dr. Lina Winkels, ist als Tierärztin spezialisiert als Chiropraktikerin und arbeitet in einer Praxis in Lechenich. Wenn es um Pferde geht, muss sie natürlich zu denen fahren. Dann ist da noch Patrick Wodni, ein gelernter Koch, der im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin als einer von drei Chefkochs gearbeitet hat. Er beschäftigt sich viel mit gesunder Ernährung: Wo beziehe ich die Lebensmittel her? Wie verarbeite ich die Lebensmittel? Und wo gehen die Reste hin? Regionalität ist da sehr wichtig. Er macht jetzt Beratung und auch die Planung in einem Projekt, das in Berlin durchgeführt wird, in dem es um die Frage geht: Ist gesundes Essen in Kantinen möglich? Das kann er überwiegend von hier aus machen.

Wie macht ihr es hier mit dem Essen? Trefft ihr euch jeden Tag zu einer gemeinsamen Mahlzeit?
Ja, mindestens einmal am Tag. Morgens sind ja auch nicht immer alle da, manche frühstücken auch morgens nicht, dann ist die Gruppe etwas kleiner. Wir haben gemerkt, dass es am sinnvollsten ist, wenn wir abends um sechs zusammen essen. Auch wegen der kleinen Kinder, die ja danach ins Bett gehen. Die vor Ort sind, essen auch mittags zusammen.

Und wer kocht?
Wir haben eine junge Frau, die gesagt hat, sie würde gerne abends immer kochen.

Immer?
Ja, immer.

Kriegt sie Geld dafür?
Nein, das ist ihre Aufgabe hier in der Gemeinschaft. Sie hat sich dafür angeboten. Es klappt auch nicht immer, denn sie hat ja auch noch andere Aktivitäten, und dann springt jemand ein. Und mittags ist es im Grunde genommen auch so, dass wir gucken, wer ist da und eine Person sagt: ich mach das, oder zwei sagen, wir machen das. Es funktioniert alles ganz gut mit relativ wenig Absprachen. Es sind ja hier viele Mütter und Väter, und die sind das ja gewohnt, alles so nebenbei zu machen.

 


Wir haben das Glück, dass hier in der Nähe ein großer Demeterhof ist, in Bollheim.

 

Wie macht ihr das mit dem Einkaufen?
Wir haben eine Liste, wo jeder aufschreibt, was er meint, was gekauft werden sollte. Manchmal will man sich ja auch zwischendurch etwas zu Essen machen, das ist ganz wie Zuhause.

Lebt ihr vegetarisch?
Ja, wir leben vegetarisch, einige sogar vegan. Ich habe fast immer vegetarisch gegessen und habe jetzt auch gemerkt, so groß ist der Unterschied zu vegan gar nicht. Deswegen kochen wir eigentlich fast nur vegan. Wenn man dann noch etwas Sahne am Essen haben will, dann trennt man halt vorher. Das war bis jetzt überhaupt kein Problem.

Und es gibt niemanden, der sagt: ich brauche hin und wieder ein Stück Fleisch?
Das nicht, aber es gibt jemanden, der sagt: ab und zu hätte ich gern ein Stück Wurst, aber ich will nur Wurst essen, wo ich weiß, wo das Fleisch herkommt. Wir haben ja das Glück, dass hier in der Nähe ein großer Demeterhof ist, in Bollheim. Da kann man sich guten Gewissens ein bisschen Wurst kaufen. Wir machen uns natürlich darüber Gedanken, für die Zukunft, wo wir sinnvoll einkaufen, weil es regional und biologisch sein soll. Die Sachen, die Bollheim selber produziert, werden wir sicher von dort beziehen.

Wie haltet ihr es mit Autos? Wie viele Autos habt ihr im Moment?
Vier. Wir werden sehen, wie viele Autos wir brauchen. Wir leihen sie auch untereinander. Wenn mal eins kaputt geht, werden wir sehen, ob wir ein neues brauchen, oder nicht.

Jetzt sucht ihr ja noch Mitbewohner und Mitbewohnerinnen. Was würdest du Leuten sagen, die dieses Interview lesen und sich für eure Lebensgemeinschaft interessieren?
Probier es einfach mal, es kommt sowieso anders als du denkst.

Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

 

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